Medien : Mazedonische Mädchen

Kommissar Sperling ermittelt in Berliner Bordellen

Barbara Sichtermann

Das Krimi-Genre wird (obwohl längst selbst wieder in diverse Unter-Genres zerfallen) immer noch vorwiegend mit Tempo, Action und harten Schnitten assoziiert – bis „Sperling“ kommt und zeigt, dass es auch anders geht. Vielleicht sollte man diese Reihe mit dem Etikett „Polizeifilm“ versehen. Sie verströmt jedenfalls genau die Mischung aus Melancholie und Nostalgie und jene Unzerstörbarkeit des Glaubens an die Gerechtigkeit, die dieser Gattung ihren Charakter aufdrückte, seit sie in den 40er Jahren von den Amerikanern erfunden wurde. So wirkt denn „Sperling“ aufgrund seiner Stilmittel immer irgendwie schwarz-weiß, entrückt wie ein Traum, um dessen Rückkehr in die Erinnerung man kämpfen muss und der einem dann etwas Überraschendes mitteilt: von wegen „entrückt“. Die Geschichte, die erzählt wird, ist bedrückend aktuell. Sie geschieht hier und jetzt.

In „Der Fall Wachutka“ ist es ein Polizistenmord, den Kommissar Sperling aufklärt. Er geht seinen eigenen Weg, ohne aber deshalb zum einsamen Wolf aufzulaufen. Sein Team ist ihm wichtig, und da der getötete Wachutka dazugehörte, hat Sperling auch das persönliche Motiv, das die Verbrecherjagd mit der nötigen Leidenschaft auflädt. Als er herausbekommt, dass Wachutka ein Mädchen aus Mazedonien (Alicja Bachleda), eine von Menschenhändlern an ein Bordell verkaufte Schönheit, aus dem Sumpf gerettet hat und wahrscheinlich deshalb sterben musste, kommt ein weiteres Motiv hinzu: der Wunsch zu helfen. Die Mazedonierin hat noch eine minderjährige Schwester, der das nämliche Schicksal droht.

Regisseur und Buchautor Thomas Jahn hat alle Register gezogen, um diesem seinem zweiten „Sperling“ die Weihen eines echten Polizeifilms zu verleihen. Der Großstadtdschungel muss dafür als Schauplatz gut ausgeleuchtet werden, und das ist hier noch einmal gut gelungen. Das schon totgefilmte Berlin erhebt sich aus der Klischeekiste und zeigt verschämt seine immer noch unaufgeräumten Hinterhöfe, aus denen sich die Folie zusammensetzt, vor der die schöne Mazedonierin, die Riege nervöser Schurken und der dicke Sperling ihre Kreise ziehen. Das Leben der Stadt erscheint funkelnd im Zeitraffer, Rückblicke werden zu Erinnerungsblitze-Schleudern. Dabei bleibt ein ruhiger und doch bedrängender Rhythmus gewahrt, der das Anschauen des „Falles Wachutka“ zu einem ästhetischen Vergnügen macht.

Einzig die allzu gefühlige Rückschau auf Leben und Arbeit des ermordeten Kollegen kommt ein wenig zu penetrant einher. Sonst aber stimmt es diesmal mit der Menschelei, die ja Dieter Pfaffs Markenzeichen ist. Berührend die Szene, in der der abgebrühte alte Bulle das verzweifelte Mädchen schützend in die Arme nimmt. Hier ahnt man, warum Pfaff so gut ankommt. Er ist eine der raren Vaterfiguren im deutschen Fernsehen, die wirklich überzeugen. Als er sagt, dass er an die Gerechtigkeit glaubt, lacht sich der Oberschurke halb tot. Sperling verzieht keine Miene. Er steht auf der richtigen Seite und bleibt dort – er könnte gar nicht so schnell weg, dazu ist er zu fett. Das schafft Vertrauen. Gleichwohl ist er alles andere als ein Siegertyp. Er muss krumme Pfade gehen, um sein Ziel zu erreichen. Er zweifelt. Er macht Fehler. Ein Kollege geht so weit, ihm die Worte: „Sie haben ja ’n Knall!“ an den Kopf zu werfen. Zu Recht. So sollen, so können sie heute sein, die Väter: fehlbar. Verrückt. Aber unbeirrbar, was die Frage nach Gut und Böse und die Gerechtigkeit betrifft.

„Sperling und der Fall Wachutka“, Arte, 20 Uhr 40

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