MEDIA Lab : Kein Kommentar?

Der Kommunikationswissenschaftler Klaus Beck fragt, was Foren von Internetmedien leisten können - und woran sie scheitern.

Virtuell wird in den sozialen Netzwerken geschrien und gepöbelt, was das Zeug hält. Doch woher kommt der Hass im Netz?
Virtuell wird in den sozialen Netzwerken geschrien und gepöbelt, was das Zeug hält. Doch woher kommt der Hass im Netz?Foto: Carsten Bachmeyer Fotolia

Interaktivität - so lautete die zentrale Verheißung des Internets. Und längst räumt auch die Presse den Lesern online nun den Platz ein, der für Leserbriefe immer fehlte. Doch mittlerweile fühlen sich einige Redaktionen an Goethes Zauberlehrling erinnert und würden die Geister, die sie riefen, gerne wieder los. So wie Spiegel Online, wo Artikel zu CSU, Flüchtlingen oder Integration wegen der Häufung unangemessener, beleidigender oder justiziabler Forumsbeiträge keine Kommentare mehr zugelassen werden.

Zu groß scheint die Kluft zwischen den eigenen Berichten und den Leserkommentaren die online darauf folgen, auch wenn es nicht gleich in Lügenpresse-Geschrei ausartet. Dass sich konkrete Medienkritik artikuliert, ist zunächst einmal erfreulich. Schließlich machen auch Journalisten Fehler und verdienen Kritik. Entsteht online also gerade eine medienkritische Gegenöffentlichkeit? Oder schimpfen nur selbst ernannte Vertreter einer durch „Mainstreammedien“ angeblich übersehenen, schweigenden Mehrheit laut vor sich hin?

Florian Töpfl von der FU Berlin und seine Kollegin Eunike Piwoni haben dies am Beispiel von Leserkommentaren zur AfD-Berichterstattung untersucht: Von den über 3000 Kommentaren bemängelten vier Fünftel die Artikel der Journalisten; 75 Prozent unterstützten die AfD, die eine Woche zuvor an der Fünfprozent-Hürde gescheitert war.

Online artikuliert sich also keineswegs die schweigende Mehrheit, aber es handelt sich auch nicht um ferngesteuerte Digital-Trolle oder bezahlte PR-Knechte. Es sind Parteigänger, in diesem Fall der AfD, die Kommentarspalten kapern. Sie kritisieren vor allem den Gleichklang der Medien und eine einseitig negative Darstellung ihrer Partei.

Ihnen geht es, wie den meisten Online-Diskutanten, keineswegs darum, den politischen Gegner mit vernünftigen Argumenten zu überzeugen: Gut die Hälfte der Kommentare dient dazu, ein Wir-Gefühl unter Gleichgesinnten zu erzeugten, nicht einmal drei Prozent belegen einen Meinungswandel. Über vier Fünftel der Kommentatoren zogen sich nach höchstens zwei Beiträgen zurück.

Echte Diskussionen sehen anders aus, finden aber online selten statt. Ergebnisse einer Langzeitstudie belegen, dass der interaktive Bürgerjournalismus auf den Kommentarseiten und Blogs der Medien schon wieder rückläufig ist – zumindest in Schweden. Vielleicht setzt sich allmählich die Einsicht durch, was Online-Kommentare leisten - und was nicht.

Toepfl, Florian/ Piwoni, Eunike (2015): Public Spheres in Interaction: Comment Sections of News Websites as Counterpublic Spaces. In: Journal of Communication, Vol. 65, pp. 465-488. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jcom.12156/abstract
Karlsson, Michael et al. (2015): Participatory journalism – the ®evolution that wasn’t. Content and user behaviour in Sweden 2007-2013. In: Journal of Computer-MediatedCommunication, Vol. 20, pp. 295-311.
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jcc4.12115/full