MEDIA Lab : Verschwörungstheorien

Die Medien-Kolumne: Unser Autor ist erschrocken darüber, wie sich Nonsens in Sozialen Netzwerken wie Facebook ausbreitet.

Stephan Russ-Mohl

Ein Alarmsignal erreicht uns aus Italien: Medienforscher haben dort genauer unter die Lupe genommen, wie sich blanker Nonsens und Verschwörungstheorien im Vergleich zu halbwegs verlässlicher oder gar wissenschaftlich „geprüfter“ Information in sozialen Netzwerken wie Facebook ausbreiten. Ein Forscherteam um Walter Quattrochiocchi (Institute for Advanced Study, Lucca) hat zu diesem Zweck einen Korpus von über 270 000 Postings auf 73 Facebook-Seiten analysiert.

Das ernüchternde Fazit: Offenbar haben gegen gezielte oder geschrotete Desinformation jene Forscher und Journalisten, die altmodisch als Aufklärer unterwegs sind, kaum eine Chance gegen das Tempo und auch die Intensität, in der sich Unfug herumspricht, also „geliked“ und „geshared“ wird. Zwar haben Journalisten, die sich um „Wahrheitsfindung“ und um ein ausgewogenes Urteil bemühen, im hochpolitisierten italienischen Kontext seit jeher einen schweren Stand, aber durch die sozialen Netzwerke geraten sie vollends ins Hintertreffen.

Über die Faktenlage sind sich auch bei uns und im angelsächsischen Sprachraum die Medienforscher weithin einig: Die „Mainstream-Medien“ und mit ihnen seriöse Journalisten haben ihre Rolle als dominierende Schleusenwärter in der Öffentlichkeit und damit im gesellschaftlichen Diskurs verloren. Kontrovers diskutiert wird hingegen weiterhin, welche Folgen das für die Gesellschaft hat. Internet-Gurus wie James Surowiecki und Clay Shirky, die an Schwarmintelligenz und an das Veränderungspotenzial der vielen glauben, stehen Skeptikern gegenüber, die befürchten, dass Trolle und anderer Pöbel in den sozialen Netzwerken die Vorherrschaft übernommen haben.

Das Pendel ist in jüngster Zeit deutlich in Richtung der Skeptiker ausgeschlagen. Was jetzt die italienischen Forscherkollegen herausgefunden haben, entmutigt weiter. Aufgeben sollten wir dennoch nicht. Albert Camus zufolge sollen wir uns Sisyphos als „glücklichen Menschen“ vorstellen, wenn er seinen schweren Felsbrocken immer wieder gipfelwärts wälzt. Obschon er ja weiß, dass dieser neuerlich zu Tal rollen wird.

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