Medien : Mediale Tausendsassa

Mehr als zwei Stunden täglich: Wie Kinder Fernsehen, Computer und Bücher nutzen

Philipp Lichterbeck

In Deutschland verbringt der Erwachsene ab 14 Jahren im Durchschnitt jeden Tag 227 Minuten vor dem Fernseher. Das sind knapp vier Stunden, und es ist genau eine Stunde mehr als noch 1992. Kinder zwischen drei und 13 Jahren hingegen schauen heute wie damals durchschnittlich 90 Minuten fern.

Dennoch hat sich ihr Medienkonsum in den vergangenen 14 Jahren erheblich verändert. Er liegt heute bei mehr als zwei Stunden täglich und wird extrem vom Gebrauch neuer Medien geprägt. Zu diesem Schluss kommt die Studie „Kinder und Medien“, die die Medienkommission von ARD und ZDF und der Kinderkanal in Auftrag gegeben haben.

Die Studie macht zudem eins deutlich: Die Zeit, die Kinder außerhalb der Schule verbringen, wird zu einer Vielzahl medialer wie nicht-medialer Aktivitäten genutzt. Sie zeigt, dass das Bild vom abgestumpften Fernsehkind ein Klischee ist – auch weil viele Kinder selbst angeben, dass die Wissenserweiterung für sie neben Spannung und Spaß Vorrang bei der Auswahl von Programmen habe. Und mehr als 65 Prozent sagen, dass sie vom Fernsehen auch erfahren möchten, was „sonst so in der Welt passiert“. Allerdings wird hier der Schwachpunkt der Studie sichtbar: Sie unterscheidet nicht zwischen Kindern aus ärmeren und gering gebildeten Familien und solchen aus Familien mit höherer Bildung und besseren Einkommen. Das positive Bild vom medienkritischen Kind würde sonst differenzierter ausfallen.

Der Shooting-Star auf der kindlichen Beliebtheitsskala ist der Computer. Auf die Frage „Wie oft machst du folgende Tätigkeiten während deiner Freizeit?“, antworteten 61 Prozent der Sechs- bis 13-Jährigen, dass sie vor dem Rechner sitzen. Rund ein Viertel der Kinder beschäftigt sich täglich mit ihm, besonders hoch ist die Nutzungsrate an Sonntagen. Und mehr als die Hälfte der Kinder in Deutschland surft regelmäßig im Internet. Sieben Prozent sind jeden Tag im Netz. Zwei Drittel der Haushalte mit Kindern haben mittlerweile einen Computer, etwas weniger einen Internet-Zugang.

Der Computer ist somit zur wichtigsten kindlichen Freizeitbeschäftigung nach den herkömmlichen Medien Fernsehen, Musik und Radio geworden. Und er hat das Buch überholt. Immerhin lesen 58 Prozent der Kinder täglich oder mehrmals in der Woche in einem Buch. Interessant ist in diesem Zusammenhang der starke Anstieg des Zeitschriftenkonsums. Fast die Hälfte der Kinder schaut heute regelmäßig in Magazine, 1992 war es weniger als ein Drittel. Dennoch hält das Fernsehen unangefochten den Spitzenplatz. 99 Prozent der Sechs- bis 13-Jährigen sehen regelmäßig fern, 83 Prozent täglich. 40 Prozent haben einen Fernseher im Zimmer.

Die Fernsehsender haben diese Entwicklung mit der Gründung von Sendern befördert, die sich speziell an Kinder richten. Super RTL wird seit 1995 ausgestrahlt, den öffentlich-rechtlichen Kinderkanal Kika gibt es seit 1997. Super RTL wird von 81 Prozent der Kinder regelmäßig eingeschaltet, der Kika von 72 Prozent. Der Kika kann sich indes trösten, dass er der Lieblingskanal der Eltern ist. Besonders in medienkritischen Häusern erfreut er sich großer Beliebtheit. Die 2005 von Kindern am meisten gesehenen Sendungen waren „Harry Potter“ und „Wetten, dass...?“. Auf den Plätzen sechs bis neun rangiert das Sandmännchen.

Programme für Kleinkinder zwischen ein und zwei Jahren gibt es im deutschen Fernsehen bisher nicht. In Japan aber, wo das Fernsehen weniger kritisch betrachtet wird, sind sie bereits geplant.

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