Medien in Ägypten : Fähnchen im Wind

Nach dem Ende des Mubarak-Regimes solidarisieren sich ägyptische Staatsmedien mit den Aktivisten. Doch viele junge Protestler empfinden diesen plötzlichen Umschwung als Heuchelei.

Karin Schädler
Lobende Worte finden die Moderatoren Said Ali (l.) und Hana Al-Semri beim Privatsender Al-Mehwar neuerdings für die Mubarak-Gegner, zu sehen auch auf Youtube.
Lobende Worte finden die Moderatoren Said Ali (l.) und Hana Al-Semri beim Privatsender Al-Mehwar neuerdings für die...Screenshot: Tsp

Der Anrufer redet sich in Rage, ist wütend auf die beiden ägyptischen Fernsehmoderatoren. „Ihr habt die Revolution beschimpft, habt die Jugendlichen attackiert und Falschmeldungen verbreitet“, ruft er. Said Ali und Hana Al-Semri senken unwillkürlich die Köpfe, als zeigten sie sich schuldbewusst. Die beiden Journalisten moderieren täglich die Sendung „48 Stunden“ beim Privatsender Al-Mehwar. Wie viele andere Moderatoren und Mitarbeiter vor allem staatlicher Medien hatten sich die beiden seit dem Beginn der Proteste in Ägypten am 25. Januar gegen die Demonstranten gestellt. Doch seit der ägyptische Präsident Hosni Mubarak am Freitagabend zurücktrat, wollen die Journalisten nichts mehr von ihren vorigen Aussagen wissen. Plötzlich finden alle nur noch lobende Worte für die „Revolution“, möchten sich mit den jungen Aktivisten solidarisieren.

Die meisten Demonstranten können sich nicht wirklich über den raschen Meinungswandel freuen. „Heuchelei ist das, sie stellen sich immer auf die Seite der Gewinner“, sagt Ameer Al-Mashad. Der 25-jährige Software-Entwickler aus Kairo erholt sich gerade von den Massendemonstrationen der letzten Tage. Er ist völlig enttäuscht von den Journalisten. Der Umkehr in ihrer Berichterstattung kann er kaum etwas Positives abgewinnen. „Ich weiß nicht, wie wir ihnen jemals wieder vertrauen sollten“, sagt Al-Mashad. „48 Stunden“ sei eines der schlimmsten Propagandaprogramme des überwundenen Regimes gewesen.

Immer wieder sagten die Moderatoren Ali und Al-Semri, Ägypten sei nicht Tunesien, Mubarak sei ein Garant für Stabilität. Sie luden eine Frau in die Sendung ein, die behauptete, in den USA eine Ausbildung erhalten zu haben, wie man in Ägypten Unruhe stiften kann. Ihre Lehrer seien Israelis gewesen. Damit stimmten sie ein in den Tenor der Regime-Propaganda, die Demonstranten seien ausländische Agenten. „Ich habe euer Programm gesehen und war angekotzt“, sagt nun der Anrufer live in der Sendung. Man solle eine neue Ära beginnen ohne Lügen, Heuchlerei und Falschmeldungen. „Ihr müsst euch entschuldigen, bei Ägypten und dem ganzen ägyptischen Volk.“ Aktivist Al-Mashad fordert, die zuvor regimetreuen Journalisten sollten ihren Beruf wechseln. Doch die Moderatoren behaupten nach den erzürnten Aussagen schlicht, der Anrufer habe sicher nicht alle Programme gesehen. „Wir waren für die Revolution, wir waren für die Jugendlichen“, lautet ihre Version der Wahrheit und (Selbst-)Verteidigung. Es ist kein Wunder, dass die Menschen auf Al-Dschasira, Al-Arabija und CNN ausgewichen sind, um wahre Informationen zu erhalten.

Das staatliche Fernsehen veröffentlichte am Samstag eilfertig eine Stellungnahme und gratulierte dem ägyptischen Volk zu der „großartigen Revolution“. Es wurde beteuert, das Programm werde ehrlich in der Verbreitung der Botschaft des Volkes sein. Auch die staatliche Zeitung „Al-Ahram“ schwenkte um. Nach dem Mubarak-Rücktritt titelte sie am Wochenende mit einem Slogan der Demonstranten: „Das Volk hat das Regime gestürzt.“ Während der gesamten Proteste hatte das Blatt die Zahl der Demonstranten extrem heruntergespielt. Waren Hunderttausende auf Kairos Straßen, schrieb „Al-Ahram“ immer noch von hundert Demonstranten.

Der Moderator Amr Adib tauchte am Wochenende weinend auf dem Privatsender OnTV auf. „Wir waren in der schlimmsten und schwärzesten Ära in Ägypten. Lasst uns jetzt reden, lasst uns alles rauslassen“, sagte er. Ob die jungen Demonstranten ihm seine vorige Regimetreue verzeihen, ist fraglich. Auf Youtube kursiert ein Video, in dem Adib vor einiger Zeit noch behauptete: „Während der Regierungszeit des Präsidenten wurde kein Journalist von seiner Arbeit abgehalten. Der Präsident will nicht, dass unsere Stimme nicht zum Volk gelangt.“ Obwohl Adib nie Mubarak selbst angriff, verstand er es, die Zustände in Ägypten anzuprangern. Vor ein paar Monaten wurde seine Sendung plötzlich abgesetzt, Gerüchten zufolge wegen kritischer Aussagen. Seit Sonntag ist er wieder auf Sendung. „Adib wird vielleicht wieder von den jungen Leuten unterstützt werden“, meint der junge Aktivist Al-Mashad.

Er findet es äußerst ironisch, dass ausgerechnet die staatliche Zeitung „Al-Ahram“ nun über einen der Initiatoren der Protestbewegung, den Internetaktivisten Wael Ghonim, schreibt, er sei ein „Genie“. Auch Ghonim freute sich darüber nicht, sondern geht den „Al-Ahram“-Journalisten auf Twitter hart an. „Manche Journalisten werden sich vielleicht ändern“, meint Al-Mashad. Andere würden aber wohl immer wieder ihr Fähnchen nach dem Wind richten.

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