Medien in Russland : Lifestyle statt Qualität

Russlands älteste und einflussreichste Tageszeitung „Iswestija“ hat einen neuen Eigentümer bekommen - und der will dem Blatt einen Schliff verpassen, der Journalisten Sorgen macht.

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In Moskau sitzt die Redaktion der „Iswestija“. 200 Mitarbeiter aus der alten Mannschaft wurden jetzt entlassen. Foto: AFP
In Moskau sitzt die Redaktion der „Iswestija“. 200 Mitarbeiter aus der alten Mannschaft wurden jetzt entlassen. Foto: AFPFoto: AFP

Weswolod Bogdanow fürchtet um die letzte Bastion des Qualitätsjournalismus in Russland. Die „Iswestija“, eine der ältesten und einflussreichsten Tageszeitungen in Russland, soll einen Relaunch erhalten – und damit in ihrer politischen Ausrichtung verändert werden, so glaubt Bogdanow, der Chef des Journalistenverbandes in Russland ist.

Die „Iswestija“, so Bogdanow in einem Exklusivinterview für die Nachrichtenagentur IA nowosti, sei über Jahrzehnte meinungsbildend gewesen, habe ihre Leser umfassend über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft informiert, für sie hätten die besten Journalisten des Landes gearbeitet. Die jüngsten Entwicklungen indes gäben Anlass zu großer Sorge.

In der Tat. 200 Mitarbeiter – darunter über hundert Journalisten – sind seit vergangenem Sonntag arbeitslos. Denn das neue Blatt und dessen Online-Ausgabe sollen andere Menschen machen: Journalisten der auf Lifestyle spezialisierten I-news GmbH. Aus der alten Mannschaft wurden deshalb nur 38 Mitarbeiter übernommen, die meisten sind Korrektoren und Schlussredakteure.

Chef der I-news GmbH ist Aram Gabreljan, gleichzeitig Vizegeneraldirektor der Holding Nationale Mediengruppe, die seit 2008 Mehrheitsaktionär bei der „Iswestija“ ist. Die Mediengruppe wiederum gehört dem Petersburger Bankier Juri Kowaltschuk, einem der engsten Freude von Premier Wladimir Putin, der nach Meinung vieler nach wie vor das eigentliche Sagen in Russland hat. Der Relaunch der „Iswestija“, mit dem sich sogar der russische Journalistenverband auf einer außerordentlichen Tagung befassen will, habe politische Hintergründe, glauben daher viele Beobachter.

Zwar war die „Iswestija“, im Revolutionsjahr 1917 als Mitteilungsblatt des Petersburger Arbeiter- und Soldatenrates gegründet und später offizielles Verlautbarungsorgan der Sowjetregierung, auch in der Perestroika und im postkommunistischen Russland nie durch besonders kritische Distanz zur Macht aufgefallen. „Entgleisungen“ wie bei der Berichterstattung zum Geiseldrama in der Schule von Beslan 2004, für die der damalige Chefredakteur gefeuert wurde, waren eine Ausnahme.

Danach mutierte das Blatt sogar zur „Wandzeitung“ der Putin-Partei „Einiges Russland“, wie Rustam Arifdschanow, einer der ehemaligen stellvertretenden Chefredakteure formulierte.

Doch das genügt angesichts nahender Wahlen und des Machtgerangels zwischen Putin und Präsident Dmitri Medwedew offenbar nicht mehr. Denn mit schwer kopflastigen Analysen und Hintergründen – seit jeher Markenzeichen der „Iswestija“ – treibt man politikverdrossene Wähler nicht an die Urnen. Schon gar nicht die jungen, besserverdienenden Großstädter, die eher Medwedews Klientel sind und daher von Putin in letzter Zeit heiß umworben. Vor allem sie sollen mit dem Relaunch als Zeitungsleser zurückgewonnen werden. Mit eher anspruchslosen Texten aus der Welt der Schönen und Reichen, mit Crime, Sex und vielen bunten Bildern. Einerseits.

Anderseits wollen Verleger und Herausgeber nochmals versuchen, was nach der Privatisierung, als staatsnahe Konzerne wie Lukoil und Gasprom sich als Mehrheitsgesellschafter die Klinke in die Hand gaben, schon mehrfach misslang: der Umbau der „Iswestija“ zu einer Wirtschaftszeitung. Der Plan dürfte auch diesmal scheitern, die Konkurrenz war schneller und verteidigt ihre Nische mit Klauen und Zähnen. Auch der Versuch, sich dem Mainstream anzupassen, ist mit hohen Risiken behaftet. Und ob die neue Online-Ausgabe mit Blogs, Twitter und Facebook mithalten kann, ist ebenfalls fraglich. Elke Windisch, Moskau

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