Medien : Medien-Kaiser von Österreich

Die Fellners beherrschen den Printmarkt – und bringen „Woman“ nach Deutschland

Paul Kreiner[Wien]

Auch Wien hat einen schiefen Turm. Er überragt den von Pisa um 16 Meter. Das muss so sein, denn es nutzen ihn Leute, die von sich selbst gern im Superlativ reden. Der „Media-Tower“, wie sie ihn nennen, steht ziemlich genau in Wiens geographischer Mitte; wer oben steht, muss zwangsläufig ein Polykrates-Gefühl entwickeln: „Dies alles ist mir untertänig.“

In diesem neuen, gläsern glänzenden Hochhaus am Donaukanal manifestiert sich das Reich von „News“. Das ist der Name jener Wochenzeitschrift, die sich „Österreichs größtes Nachrichtenmagazin“ nennt und in diesen Tagen ihren zehnten Geburtstag feiert. Und noch etwas feiert der Verlag. Bisher war es immer so, dass sich die deutsche Medienbranche gern Österreicher ins Land geholt hat, um Spitzenpositionen in Verlagen, Redaktionen und Sendern zu besetzen. Eine ganze Zeitschrift aus Österreich gab es in Deutschland noch nie. Doch den Leuten aus dem Media-Tower ist es gelungen: Ihr „Woman“ feiert in der kommenden Woche Deutschland-Premiere, herausgegeben vom Hamburger Verlag Gruner + Jahr.

Der Verlag um das Magazin „News“ steht auch für eine Medienkonzentration, wie sie in Europa nur von Silvio Berlusconis Medienimperium übertroffen wird. Aus der verschachtelten Verlagsgruppe kommen sämtliche politischen Magazine Österreichs, dazu – neben zwei Hand voll anderer Illustrierten – die berühmt-berüchtigte „Kronen-Zeitung“ und das Massenblatt „Kurier“. Allein diese beiden Tageszeitungen decken 55 Prozent des österreichischen Marktes ab; die drei Magazine „News“, „Format“ und „Profil“ kommen in ihrem Bereich auf 59 Prozent – kein Kartellgericht hat es gewagt, Einhalt zu gebieten.

Väter dieses ganz speziellen Erfolgs sind die Gebrüder Wolfgang und Helmuth Fellner. Ihr Talent als Medienmacher haben sie bereits 1968 unter Beweis gestellt, als sie den „Rennbahn-Express“ gründeten. Die Brüder zählten damals noch keine 15 Jahre – waren also genauso alt wie die Zielgruppe ihrer österreichischen Version von „Bravo“. Dann kam „Basta“, die erste rein österreichische Illustrierte. Den Durchbruch erzielten sie mit „News“: Wolfgang Fellner sagt, die Idee dazu sei ihm als „Traum in New York, im 20. Stockwerk des Time-Inc.-Towers“ erschienen.

Pathos und Selbstbeweihräucherung müssen sein zum Jubiläum. Und deswegen erzählt Fellner heute nicht nur von seinem „Traum“, sechs Magazine à la „Time“ in eines zusammenzufassen, sondern auch von dem „steinigen Weg“ dorthin, davon auch, dass alle sein Projekt als „hoffnungslos“ verkannten. Nur einer habe daran geglaubt: „Deutschlands genialster, legendärer Blattmacher“ Günter Prinz beim Springer-Verlag.

Springer stieg in die Verlagsgruppe der Fellner-Brüder ein, verdiente viel Geld, stieg dann aber wieder aus. Die Gründe für den Ausstieg verstehen viele in der Branche heute noch nicht. Nicht nur, weil mit den Österreichern viel Geld zu machen war, sondern auch, weil die Brüder den Ruf hatten, kreative, moderne Zeitschriftenkonzepte zu entwickeln. Schnell fand die News-Gruppe in Deutschland einen neuen Gesellschafter – Gruner + Jahr.

„News“ etablierte sich als ein Aufdecker- und Enthüllungsjournal, an dem die Republik nicht mehr vorbeikam, dem aber die verkaufsträchtige Schlagzeile und das fetzige Cover zunehmend wichtiger wurden als die Wahrheit einer Story. „Fellnerismus“ ist in Österreich zum Begriff für einen zum Marketing gewendeten Journalismus geworden. Seine Merkmale: das Ausnützen und Zurechtbiegen der Politik für Geschäftsinteressen, die Verquickung von Werbung und Redaktion, das Arrangieren von Tatsachen, Halb- oder Nochweniger-Wahrheiten zu schillernden Collagen, Hauptsache bunt, Hauptsache Auflage.

Ohne „News“ wäre Jörg Haider nicht zu dem geworden, was er bis vor wenigen Wochen war. Haider war Hauptdarsteller auf Titelseiten und in Titelstories. Was da nicht alles „enthüllt“ wurde an Geheim- und Putschplänen zur Machtübernahme in Wien! „Wir hätten es gar nicht besser machen können“, sagte Haiders Wahlmanager Gernot Rumpold, und Haider selbst meinte: „Immer wenn ich bei ,News’ anrufe, kriegt die Republik einen Drive.“

Die Auflage von „News“ liegt mit wöchentlich 275 000 verkauften Exemplaren sogar ein klein wenig höher als vor den verkaufsfördernden Ereignissen vom 11. September. Das Nachrichtenmagazin „Format“, vor vier Jahren als Konkurrenz zum damals noch selbstständigen „Profil“ gegründet, verkauft 83 500 Exemplare. Die Verkaufsschlacht zwischen den beiden Magazinen hat so viel Geld vernichtet, dass am Ende nur die Fusion blieb.

Danach, als sie wieder Oberwasser hatten, haben die Fellners ihr neuestes Produkt auf den Markt geworfen: die Frauenzeitschrift „Woman“. Das Magazin wird von Wolfgang Fellners Ehefrau Ursula geführt und ist nach dem „News“-Prinzip gestrickt: „Woman“ vereint viele Zeitschriften in einer. Die verlagsinterne Diskussion, ob genau dies nicht einem „Kannibalismus“ an den eigenen Erzeugnissen gleichkomme, darf durch die Nachfrage als erledigt gelten. Alle 14 Tage verkauft „Woman“ 225 000 Exemplare. Und es bietet den ressourcenschonenden Vorteil, dass man manche Story zweimal vermarkten kann: die herzzerreißende Geschichte der zurückgetretenen FPÖ-Chefin Riess-Passer etwa, worin sie vom (überstandenen) Brustkrebs und von ihrem Kinderwunsch erzählt.

Die Fellners werden ihr sehr einträgliches Konzept nun exportieren: „Woman“ startet kommende Woche auf dem deutschen Markt – aber nicht auf eigene Faust. Das Sagen in der News-Gruppe haben mittlerweile die Manager von Gruner + Jahr. Sie kontrollieren 56,03 Prozent der Anteile. Mit der Großfusion 2001 ist auch die WAZ ins Boot gekommen; sie kontrolliert 50 Prozent bei der „Kronen-Zeitung“ und 50,5 Prozent beim „Kurier“; der Kurier-Anteil an der News-Gruppe liegt wiederum bei 30 Prozent. Die Fellner-Brüder selbst besitzen nur noch 17,5 Prozent; aus der „operativen Führung“ haben sie sich zurückgezogen.

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