Medien und Meriten : Tiefgekühlte Samen

Es gibt 263 Journalistenpreise. Wer oder was steckt eigentlich dahinter?

Dominik Bardow
300482_0_22da8a26.jpg Foto:Promo
Haarig. Den »Egon-Erwin-Kisch-Preis« will jeder. Nur welcher Journalist stellt sich den »Medienpreis Friseur« der...Foto:Promo

Es gibt Preise, die tragen Journalisten so stolz wie einen Doktortitel. „Egon-Erwin-Kisch-Preisträger“ oder „Theodor-Wolff-Preis-Gewinner“, von Verlagen und Zeitungsverlegern verliehen, sind Zusätze, die sich zu jedem Namen gut machen. Und es gibt Preise, die in keinem Lebenslauf je auftauchen. „Die verschweigt man eher, nach dem Motto: Preis einstecken, Kontonummer angeben und danke“, sagt Medienwissenschaftler Michael Haller. Im Schatten der großen „Journalisten-Oscars“ sind in den vergangenen Jahren Medienpreise wie Pilze aus dem Boden geschossen – 263 zählt allein das Internetportal www.journalistenpreise.de. Ausgeschrieben werden die Trophäen von Unternehmen, Agenturen und Interessensverbänden.

So gibt es neuerdings auch Preise für journalistische Beitrage über Tiefkühlkost, Holzverpackungen und sogar vorzeitigen Samenerguss. Dotiert sind die Preise mit mehreren tausend Euro.„Ziel bei diesen Ausschreibungen ist es, ein bestimmtes Thema verstärkt in die Medien zu bringen“, sagt Michael Haller und nennt als Beispiel den DJV-Preis „Wild und Umwelt“. DJV steht dabei nicht für Deutscher Journalisten-Verband, sondern für Deutscher Jagdschutz-Verband. Dieser wolle mit seinem Preis, so Haller, das Image der Jägerei aufwerten. Je höher so eine Auszeichnung dotiert sei, desto mehr Texte würden auf den Preis hin geschrieben.

Offenbar hat auch der vorzeitige Samenerguss eine Imageaufwertung nötig. „Wir wollten die Berichterstattung über dieses Tabuthema fördern“, sagt Patrick Maartense, Geschäftsführer des österreichischen Medizin-Portals YouMed.at, das einen mit 2500 Euro dotierten Journalistenpreis ausgeschrieben hat. Ein Grund sei natürlich auch, das Portal bekannter zu machen, gerade bei Journalisten. „Es ist ja auch bequem, und man riskiert nichts“, erklärt Haller die Motivation der teilnehmenden Journalisten. „Man dreht sein Thema ein bisschen auf den Preis hin und schickt den Beitrag ein.“ Das Problem liege woanders: „Ein Journalistenpreis macht dann Sinn, wenn Qualität ausgezeichnet und damit ein Vorbild, ein Leuchtturm für die Branche gesetzt wird.“ Bei vielen der neuen Medienpreise werde nur ein bestimmtes Thema belohnt, nicht eine unabhängige Perspektive oder die Qualität – die sei ohnehin meist schlecht, wenn die Themenvorgabe eng gefasst ist. Wer zum Beispiel den mit 5000 Euro dotierten Journalistenpreis „Holzpackmittel“ gewinnen will, der sollte „die Vorteile von Holz gegenüber anderen Verpackungsmaterialien einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen“. So steht es in der Ausschreibung des Bundesverbands Holzpackmittel, Paletten, Exportverpackung (HPE) e.V., indem 80 Unternehmen organisiert sind.

Der Wert eines Journalistenpreises bemisst sich laut Haller an der Unabhängigkeit und Kompetenz der Jury: Sitzen dort Leute vom Fach oder nur Vorstände plus ein paar Alibi-Journalisten? Macht die Jury nur Vorschläge oder trifft sie die Entscheidung über die Gewinner selbst? „Ich selbst habe gelegentlich Jury-Mitgliedschaften abgelehnt, wo man mir auf Nachfrage nach dem Reglement sagte: ,Ach, so was brauchen wir nicht!’“ Der YouMed-Journalistenpreis etwa hat laut Ausschreibung eine „hochkarätig besetzte Expertenjury“. Auf Nachfrage heißt es, man könne zur Zusammensetzung der Jury noch keine Angaben machen. Bei der Preisverleihung sollen neben den Gewinnern auch die Juryteilnehmer genannt werden. Beim Journalistenpreis „Holzpackmittel“ ist die Jury identisch mit Vorstand und Geschäftsführung, ergänzt durch den Pressesprecher. „Was sollen wir denn da jemanden vom ,Stern‘ reinsetzen, der kostet doch nur Geld“, sagt ein Sprecher des HPE-Verbandes. „Unter dem Strich ist das ein Nullsummenspiel“, sagt Haller. „Je mehr solcher Preise es gibt, desto weniger effektiv wird das Ganze.“ Da sich die meisten Preise an Fachzeitschriften und „Wald-und-Wiesen-Blätter“ richteten, sieht Haller auch nicht die journalistische Unabhängigkeit in Gefahr.

Haller selbst hat übrigens auch schon einen Journalistenpreis mitgestiftet: den „Mitteldeutschen Wissenschaftspublizistikpreis“, verliehen von den Universitäten Leipzig, Halle und Jena. Der Preis wurde nach zwei Ausgaben wieder eingestellt – die Qualität der eingeschickten Beiträge war nach Einschätzung der Jury einfach nicht hoch genug.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben