Medien und Sport : Kniefall vor den Stars

Bloß nicht den Sport beschmutzen, sagt „L’Equipe“ und muss sich dafür viel Kritik gefallen lassen.

Hans-Hagen Bremer[paris]
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Auch Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong wurde von "L'Equipe" gefeiert. -Foto: AFP

Selten hat eine rüde Rempelei die Fans im Stadion und am Fernseher so aus der Fassung gebracht wie der Kopfstoß, den der Franzose Zinedine Zidane im Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft 2006 dem Italiener Marco Materazzi verpasste. „Für Millionen Jugendliche waren Sie für immer ein lebendes Vorbild geworden“, hielt die französische Sportzeitung „L’Equipe“ dem Kicker-Idol am anderen Tag in einem Leitartikel ihres Chefredakteurs Claude Droussent vor. „Wie aber sollen wir jetzt unseren Kindern erklären, was werden Sie Ihren eigenen Kindern dazu sagen, dass Sie sich so haben gehen lassen? Wie konnte das einem Mann, wie Sie es sind, passieren?“ Einen Tag darauf schlug die Zeitung gegenüber Zidane einen ganz anderen Ton an. „Gestern waren es einige Worte zu viel“, konnte man, wiederum aus der Feder des Chefredakteurs, lesen. „Wenn sie Sie verletzt haben, entschuldige ich mich dafür.“

Die Leser rieben sich die Augen. Die Redaktion war entsetzt. In einer Redaktionsversammlung wurde ein Protest formuliert. Doch eine Erklärung für die Kehrtwende des Chefredakteurs gab es nicht. Nach zweieinhalb Jahren erfährt die Öffentlichkeit jetzt erstmals etwas über die Hintergründe dieses „Kniefalls vor der vereinten Macht des Starkults, des Geldes und der vorherrschenden Meinung“, wie es David Garcia, ein 35-jähriger freier Journalist, ausdrückt. In seinem im Pariser Verlag mit dem bezeichnenden Namen Danger Public erschienen Enthüllungsbuch mit dem Titel „La face cachée de L’Equipe“, (die verdeckte Seite von L’Equipe), berichtet er, wie Zidanes wichtigster Sponsor, der Nahrungsmittelkonzern Danone, Druck auf das Blatt ausgeübt habe. Den Ausschlag aber habe gegeben, dass Zidane ein mit dem Verlag der Sportzeitung geplantes Buchprojekt, das seinen Ruhm ähnlich wie ein im Verlag Taschen erschienener Band über den Boxer Muhammed Ali verbreiten sollte, kurzerhand annullieren ließ. „Es war ein Verlust von mehreren Millionen“, sagt Garcia im Gespräch über sein Buch, in dem er eine Fülle von Beispielen über das fragwürdige Verhältnis der Zeitung zum Gegenstand ihrer Berichterstattung, dem Sport, seinen Akteuren, Funktionären und Sponsoren, zusammengetragen hat. Seit ihrer Gründung vor 60 Jahren hat „L’Equipe“, die jeden Tag mit einer Auflage von mehr als 300 000 Exemplaren erscheint, in Frankreich eine Monopolstellung. Sie ist Resultat des engen Zusammenspiels der publizistischen mit anderen wirtschaftlichen Interessen des Verlags. Er gehört zur Amaury-Gruppe, die die Tour de France, die Rallye Paris-Dakar oder das Segelrennen Route de Rhum organisiert und noch andere Sportereignisse kreiert, „um die Auflage von „L’Equipe“ zu steigern“. Die Nähe der Reporter zu den Sportlern, als Quelle der Berichterstattung heute das A und O des Sportjournalismus, habe bei „L’Equipe“ indes, wie Garcia sagt, zu einer „inzestuösen Verbindung“ geführt.

Aus Rücksicht auf den Erfolg der Tour de France, die während drei Wochen im Jahr ein Drittel zum Gewinn der Gruppe beiträgt, habe sich die Zeitung zum Beispiel stets vor klaren Bekenntnissen gegen das Doping im Radsport gedrückt. Als ein Ressortleiter die Redaktionsleitung über die Kumpanei zweier Reporter mit Richard Virenque, dem Doping-Sünder der Tour 1998, informierte, wurden nicht etwa die beiden Reporter zur Rede gestellt, sondern, unter einem Vorwand, der Ressortleiter gefeuert. Der Bericht einer Reporterin über vor Gericht erhobene Doping-Vorwürfe gegen den Rad-Profi Laurent Jalabar wurde zensiert. Die Exklusivstory über mehrere Jahre zurückliegende positive EPO-Tests des Amerikaners Lance Armstrong erschien 2005 erst im August, als das Rennen jenes Jahres schon beendet und durch keinen Skandal des siebenfachen Tour-Siegers mehr beeinträchtigt werden konnte. Die widersprüchliche Haltung zum Problem des Doping, die die Glaubwürdigkeit der Zeitung in Frage stellt, belegt der Autor mit einer Aussage ihres Chefredakteurs: „Wir waren unter den ersten, die 1997 über EPO berichteten. Aber Achtung, der Sport darf nicht beschmutzt werden. „L’Equipe“ muss weiter die Champions feiern.“ Hans-Hagen Bremer, paris

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