MEDIEN-WAHLKAMPF : Probier’s mal mit Ungemütlichkeit

Bisher ist der Bundestags-Wahlkampf eine zähe Veranstaltung. Da müssen sich die Medien doch herausgefordert fühlen

Bernd Gäbler
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Der einzige Hingucker? Ein Radfahrer passiert in Berlin einen Transporter, auf dem ein Wahlplakat der SPD kopfüber befestigt ist....dpa

Guido Westerwelle lässt sich von den ARD-Hauptstadtjournalisten befragen; Frank-Walter Steinmeier wird versuchen, die RTL-„Townhall“ in eine brave Bürgersprechstunde umzuformen und bei „Anne Will“ wird – wie gewohnt – alles ausgewogen abgewogen. Ruhig gleitet dieser Sonntag dahin wie jeder andere.

Der Wahlkampf lahmt. Ein paar zitierfähige Halbsätze werden die Runde machen. Noch sechs Wochen. Die Umfrageergebnisse wirken wie eingefroren.

Aber bald, spätestens am 13. September, nur vierzehn Tage vor der Wahl, soll der große Schluss-Spurt kommen: ein Hauch von nordkoreanischem Staatsfernsehen durchzieht dann die Medienlandschaft, wenn auf allen relevanten TV-Kanälen dasselbe läuft. Vor einem Millionenpublikum spricht die Regierungschefin mit ihrem Stellvertreter. Gähn! Dies wird „Duell“ genannt, dabei ist die mediale Inszenierung so kurios wie die politische Konstellation. Wer will, dass alles so bleibt wie es ist – Angela Merkel also Kanzlerin bleibt und mit der SPD weiterregiert – muss zu diesem Zweck Frank-Walter Steinmeier wählen, also die angebliche Alternative. Kein Wunder, dass da nichts zündet!

Erst recht, wenn die Wahlkampfstrategen diese Begegnung dann noch mit den Parolen Steuersenkung vs. Vollbeschäftigung surreal aufladen. Angela Merkel wird einen Teufel tun, ihren präsidialen „Erst die Nation, dann die Partei“-Wahlkampfstil zu ändern – diesmal wird eine so geringe Prozentpunktzahl wie nie zuvor zur Kanzlerschaft ausreichen. Und der zaudernde Frank-Walter Steinmeier hat erkannt, dass ihm die Rolle des röhrenden Platzhirsches nicht steht.

So gibt es im Wahlkampf ein paar provozierende Plakat-Pappen, während die Deutschlandreise des Kandidaten Steinmeier die Edelfedern vor allem zu breitwandiger Prosa verführte. Immer wieder einmal hält Verteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU) das Stöckchen einer Grundgesetz-Änderung hin und brav springen alle drüber, wenn nicht gerade ein Dienstwagen in die Quere kommt. Horst Seehofer und Guido Westerwelle necken sich derweil.

Die Hauptstadtjournalisten sind da ganz nah dran und filtern eifrig Brauchbares heraus. Das ist ihr Job. Anderes verpassen sie. Die SPD hat auch deswegen so schlechte Umfrageergebnisse, weil viele Menschen – ganz unabhängig von der Politik – nicht mögen, wie mit Kurt Beck oder Andrea Ypsilanti umgesprungen wurde. Intriganten sind unsympathisch. So etwas will man auf der eigenen Arbeitsstelle nicht erleben. Die meisten Journalisten sind viel zu sehr abgebrühte Politologen, um solche Stimmungen überhaupt zu registrieren.

Aufmerksam und willig begleiten sie den Wahlkampf – und geben sich Mühe. Außer dem „Duell“ genannten Schauspiel stehen noch „Trielle“ auf dem TV-Spielplan; es gibt einen Alltagstest, unter anderem mit Claudia Roth als Kellnerin; Ele- und Minifantenrunden; den bisherigen Porträts konnte man keine Parteinahme vorwerfen; oft eher hektisch als intensiv fühlt Maybrit Illner einzelnen Parteien auf den Zahn und Phoenix plant sogar Politiker-Speed-Dating. An Formatideen fehlt es also nicht!

Nur mitreißend ist wenig. Der Medien-Wahlkampf wirkt wie ein hermetisch eingekapseltes Selbstgespräch der politisch-journalistischen Kaste. Dass hier darum gestritten wird, mit welcher Vision eine der stärksten Industriegesellschaften aus einer ihrer größten Krisen kommen will – wer wollte das glauben? Gelegentlich geht es auch anders. Im Sommerinterview mit Oskar Lafontaine war Peter Frey (ZDF) richtig bissig. Aber gegenüber den Linken ist das ja auch erlaubt. Eine Woche später am Holztisch von Steinmeier gab er wieder Pfötchen. Könnten nicht mitten im „Duell“ doch einfach Gregor Gysi oder Guido Westerwelle plötzlich wie Kai aus der Kiste im Studio auftauchen? Dann wäre wenigstens etwas los! Aber es geht nicht um oberflächlichen Krawall; die Medien sollen auch nicht selber Politik machen, aber sie sollen die richtigen Arenen bauen und eine Haltung an den Tag legen: lieber Pitbull sein als Stenograph!

Vieles im deutschen Fernsehen ist langweilig wegen der Proporz-Diplomatie in den Redaktionen. Warum ist vor der Wahl in Thüringen und an der Saar beispielsweise eine „unausgewogene“ Sendung mit Peter Müller und Dieter Althaus (beide CDU) auf der einen Seite gegen Oskar Lafontaine und Bodo Ramelow (beide Linke) nicht möglich? Oder Ursula von der Leyen gegen Jörg Tauss? Darf das nicht sein, weil die Medien statt der Richter vorab Urteile sprechen? Dann eben der niederländische Rechtsaußen Geert Wilders gegen Cem Özdemir oder Roland Koch versus Jürgen Trittin. Solche Sendungen versprächen Spannung plus Substanz und dürften dann auch gerne „Duell“ heißen.

Die meisten Politikredaktionen suchen aber einen anderen Ausweg – die radikale Hinwendung zum Bürger. Peter Kloeppel (RTL) lässt sich von einem Würstchenbudenbesitzer kumpelhaft befingern, Anne Will richtet ein Spezial-Sofa ein, RTL benennt sein Studio gleich in „Townhall“ um. Die stets auf Reichweite und Durchschnitt achtenden TV-Veranstalter neigen generell nicht dazu, das Publikum zu überfordern. In der Politiksendung wird darum der Bürger stets als „Betroffener“ angesprochen. Er ist nicht souveräner Gestalter des Gemeinwesens, sondern Objekt der Politik und Konsument ihrer Folgen. Zwei-Klassen-Medizin oder Rente geht als Thema dann immer. Flugs wird aus dem demokratischen Souverän ein Verteilungskämpfer. Nicht die Ideen des Bürgers für Staat und Gesellschaft, Bildung und zukünftige Arbeit sind gefragt, sondern das Gros dieser Sendungen zielt auf sein Portemonnaie.

Die Parteien ahnen, dass eigentlich Größeres her müsste. Das aber will nicht gelingen. Sie verfassen zwar Wahlprogramme, grüne „New Deals“ und „Deutschlandpläne“, der Bürger aber ist schon froh, wenn wenigstens halbwegs vernünftig regiert wird. Angela Merkel und Peer Steinbrück sind dafür die Sachwalter. Die Parteien feiern sich für ihre kluge und zupackende Politik in der Wirtschaftskrise, die realistisch gewordenen Bürger sehen darin mitnichten eine Wiederherstellung des Primats der Politik, sondern bestenfalls eine Anpassungsleistung an die von Wirtschaft und Banken diktierten Notwendigkeiten. Jeder frage einmal in seiner Nachbarschaft, wer glaubt, dass die Politik tatsächlich eine schärfere Bankenaufsicht durchsetzen wird. Noch so viele Berater vermögen weder Angela Merkel noch Frank-Walter Steinmeier Charisma einzuhauchen. Und viele Bürger schauen nicht mehr gottesfürchtig auf den 27. September, als sei Wählen eine heilige Pflicht.

Daran werden die Medien so viel nicht ändern können. Aber sie können frecher sein, selbständiger gegenüber den einzelnen Windungen des Wahlkampfes; unabhängiger gegenüber der politischen Szenerie, selbst Themen setzen, Formen wagen, die Politiker in ungewohnte Konstellationen zwingen und radikal Mittelmaß und Langeweile zum Feind erklären.

„Bericht aus Berlin: Sommerinterview mit FDP-Chef Guido Westerwelle“, ARD, 18 Uhr 30

„Anne Will: Wahlkrampf statt Wahlkampf“, ARD, 21 Uhr 45

„2009 – wir wählen: Zuschauer fragen – Frank-Walter Steinmeier antwortet“, RTL, 22 Uhr 05

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