Medien : Was ist die Polit-Talkshow?

Am Anfang war das Magazin. Dann wurde geredet. Sendungen gibt es viele, aber nur drei große. Ihr Problem: Sie entdecken zu wenig. Trotzdem schalten auch heute Abend Millionen ein.

Bernd Gäbler
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Kanzlerin Angela Merkel zu Gast bei Anne Will. -Foto: ddp

WOHER KOMMEN DIE POLIT-TALKS?



Was kaum noch einer mehr weiß: selbst der junge Johannes B. Kerner hat mal in der ARD moderiert: „Talk täglich“ hieß die Nachmittagssendung zu Beginn der neunziger Jahre. Da war der Begriff „Talkshow“ aber schon zu jedwedem Reden im Fernsehen universalisiert worden. „Den Ausdruck finde ich schrecklich“, hatte Inge Meysel 1974 resolut erklärt, die wegen ihres eigensinnigen Erzählens gleichwohl gern gesehener Gast war. Die Gäste zum „Seelenstriptease“ zu verführen, das war die Absicht der ersten einstündigen „Talk-Show“ im deutschen Fernsehen: „Je später der Abend“. Dietmar Schönherr startete sie am 18.März 1973. Die im amerikanischen Fernsehen auf ABC, CBS und PBS dreißig Jahre lang laufende „Dick Cavett Show“ war die Blaupause. „3 nach 9“, die „NDR-Talkshow“ und „Beckmann“ sind die heutigen Endmoränen der damaligen Erschütterung. Wie zuvor auch in den USA differenzierte sich das Genre rasch aus – von den „Dailys“ bis hin zum intellektuellen „Nachtstudio“.

Das televisionäre Bedeutungszentrum für gesellschaftliche Selbstverständigung lag anfangs bei den politischen Magazinen mit Protagonisten wie Gert von Paczensky, Joachim Fest, Gerhard Löwenthal oder Klaus Bednarz. Porträts und Kreuzverhöre waren Magazin-Elemente. Streitgespräche wie das monatliche „Pro und Contra“ (ARD, 1968– 1998) oder später Salons wie „Live aus der Alten Oper“ (ZDF, 1987–1996) traten hinzu. Den Sonntagabend als Zentraldatum des politischen Talks hat überraschenderweise Sat.1 zunächst erobert, dann freiwillig aufgegeben. Erst als „Talk im Turm“ (1990–1999) endgültig scheiterte, war der Weg frei für die jahrelange Talk-Dominanz von „Sabine Christiansen“ (1998–2007) in der ARD, zu der das ZDF seit Oktober 1999 donnerstags „Berlin Mitte“ mit Maybrit Illner als belebende Konkurrenz etablierte. Der Polit- Talk wurde weiblich und aus „Berlin Mitte“ wurde schlicht „Maybrit Illner“.

Heute gibt es mehr als zwanzig Formate. Aus dem inflationären Geschehen haben sich drei Große: „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg und „Anne Will“ in der ARD sowie „Maybrit Illner“ (ZDF) mit Marktanteilen von jeweils mehr als zwölf Prozent herausgemendelt. Seit einer Woche versucht auch Sabine Christiansen wieder aufzuschließen. An diesem Sonntag, wenn in drei Bundesländern ein neuer Landtag gewählt wird (Saarland, Sachsen, Thüringen) und eine wichtige Kommunalwahl stattfindet (Nordrhein-Westfalen), kommt es dann sozusagen zum Kampf der Giganten. Den Wahlausgang werden nicht nur – wie gewohnt – „Anne Will“ (ARD 21.45 Uhr) und die 2. Ausgabe der „Sat.1-Wahlarena“ (Sat.1, 22.15 Uhr) deuten, sondern das ZDF schickt zusätzlich noch „Maybrit Illner“ (ZDF, 22,20 Uhr) ins Rennen.

WELCHE BEDEUTUNG HABEN DIE  POLITISCHEN TALKSHOWS NOCH?

Vom „Totalitarismus der Postmoderne: Dabeibleiben ist alles“ oder gar von der „Deutungshoheit“ des TV-Talks wird kaum noch jemand reden. Schon wegen der großen Zahl und des verhältnismäßig geringen Personalangebots hat der Polit-Talk an Gewicht für den nationalen politischen Diskurs verloren. Dennoch sind es regelmäßig politische Gespräche mit großer Reichweite, zumindest beim älteren Publikum. Für den Zuschauer, das ist eine Eigenheit des Mediums, wird dabei häufig weniger die Logik des Arguments transparent als die Verfassung der Argumentierenden.

Zum relativen Bedeutungsverlust trägt bei, dass die Redaktionen zu sehr in der selbst gestellten Falle verharren: immer müssen es dieselben, immer die vermeintlich wichtigsten Politiker sein, die da reden. Die Talkshows entdecken zu wenig. Interessante junge Wissenschaftler, kommunale Reformer, Ideengeber spielen eine zu geringe Rolle.

Dies schwächt die Sendungen, weil immer mehr Zuschauer nur eine routinierte Selbstinszenierung der Politiker und eine Dominanz von Phrasen und Taktik argwöhnen. Die Kluft zwischen politischem Diskurs und eigenem Leben wächst oder wird zumindest so wahrgenommen. Viele spüren auch, dass zwar tagespolitische Fragestellungen aller Art wie Steuern, Rente, Hartz IV und Gesundheit immer wieder thematisiert werden, aber eigentlich fundamentalere Herausforderungen unserer Lebensweise erörtert werden müssten. Seitdem suchen alle Talkshows zusätzlich zum Politiker- Streit die Öffnung zur Gesellschaft. Oft gelingt sie nur in Form vorgestellter „Betroffener“. Etwas angestrengt werden zur Zeit auch viele partizipative Elemente ausprobiert, um wieder anschlussfähiger an ein jüngeres Publikum zu werden. Von einer Krise zu reden, wäre zu weitgehend – dafür sind die Talkshows nach wie vor zu wichtig, aber sie reflektieren das Unbehagen an der Politik, vielleicht auch nur eine aktuelle Sehnsucht nach mehr sachlichem Verwalten und weniger ideologischen Grabenkämpfen.

WIE UNTERSCHEIDEN SICH DIE TALKSHOWS?

Nur temporär zur Wahlzeit feiert Sabine Christiansen auf Sat. 1 ein Comeback. Sie ist inzwischen gelassen genug, um den aus der Magazin-Tradition stammenden Ko-Moderator Stefan Aust, der nie ein guter Talkmaster war, souverän zu übergehen. So war es jedenfalls in der ersten Ausgabe der „Wahlarena“. Nur mühsam hielt sie halbwegs Ordnung im Gewusel von E-Mails, Twitter und Einspielfilmen, die Teil der Sendung waren. Die Sendung am heutigen Sonntag, in der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) zu Gast sein wird, soll entsprechend purifiziert werden. Das ist auch ein dringliches Gebot.

Wie immer hängt auch hier der Charakter der Sendung stark vom Protagonisten ab. Die heutigen Matadore der nationalen gesellschaftspolitischen Selbstverständigung via TV sind alle nicht mit Habermas oder Enzensberger aufgewachsen, sondern kommen aus der Sport- oder der Regionalberichterstattung.

„Anne Will“ ist unter den Talkshows der Salon. Hauptsache, die Konversation gleitet flüssig dahin. Sie moderiert ruhig, organisiert das Hin und Her, tut dies häufig assoziativ, seltener steuert sie klar erkennbare Ziele an. Von einigen Irrwegen der Anfangszeit, wie der Zuladung von „Promis“, hat sie sich befreit, für Schnickschnack ist sie nicht anfällig. Die vom früheren rbb-Bürger-Talker Andreas Schneider geleitete Redaktion wirkt trotz gelegentlicher Recherchefehler am stärksten klassisch öffentlich-rechtlich.

Frank Plasberg dagegen ist ein Dompteur. Er steht und geht, während die Tiger auf ihren Podesten sitzend die Krallen ausfahren. Er hat gute Rituale entwickelt und die kleinen Einspielfilme sind manchmal gute Erinnerungsposten, manchmal bloße Spielerei. Sein behaupteter Dualismus von „Politik und Wirklichkeit“ sei demagogisch, argwöhnen Kritiker, zumindest neige er zum Populismus. Dabei spürt man hier vor allem seine Herkunft: Bürgernähe war der Schlüssel im Regionalen. Typisch für Plasberg ist es, die Akw-Diskussion mindestens mit dem Verbot von Glühbirnen in einen Titel zu packen und so Lebensnähe zu suggerieren. Straff führt er, kongenial ergänzt durch seinen Freund und Produzenten Jürgen Schulte, die mit interner Arbeitsteilung am stärksten auf Recherche und Wettbewerb getrimmte Redaktion. Zumindest kann man bei „Hart aber fair“ immer sicher sein, dass etwas los ist.

Wie Anne Will stammt auch Maybrit Illner ursprünglich aus dem Sportjournalismus. Während jene in den „ARD-Tagesthemen“ Politikerfahrung gesammelt hat, tat Maybrit Illner dies in jahrelanger Moderation und Leitung des ZDF-„Morgenmagazins“. Ihre Sendung ist nicht Salon, nicht Zirkus, sondern eine Bühne. Sie wirkt energischer als Will, gelegentlich auch hektischer, agiert aber sehr selbst- und zielbewusst. Sie ist am nächsten dran an den Einzelheiten des politischen Prozesses vor und hinter den Berliner Kulissen, was auch an dem mit allen Wassern gewaschenen alten Hasen Wolfgang Klein liegen mag, der umsichtig die Redaktion führt. Er hat schon Sabine Christiansen durch stürmische See gesteuert.

WELCHE ZUKUNFT HABEN POLITISCHE TALKSHOWS?

Neben den reichweitenstarken „großen drei“ und dem inflationären Talk-Gewimmel ist wenig Platz für Gleichartiges. Dennoch wird es den Politik-Talk noch lange und immer wieder geben. Wie in der Welt des Printjournalismus auch, wird aber vermutlich das Bedürfnis nach Intensität wachsen. Auch für innige Dialoge, die auf der Basis gründlicher Recherche in die Tiefe gehen, für die einst Günter Gaus das „role model“ abgab, gibt es eine Zukunft. Schwieriger werden Kreuzverhöre à la Rudolf Rohlinger, denen Politiker heute lieber ausweichen. Beliebter sind da schon Einzelauftritte in Talkshows. Besonders schwierig wird die Lage für die medial extrem professionalisierten Politiker da selten. Zu bezweifeln ist, ob sich die Jugend allein durch partizipative Elemente, Blogs und Twitter in den politischen Dialog locken lässt. Versuche in diese Richtung gibt es zurzeit mit der „Wahlarena“ und verschiedenen „Town-Hall-Meetings“. Bürger fragen, Journalisten moderieren dabei nur noch. Beim Fernsehpublikum stieß dieses Format aber auf wenig Liebe. Phönix versucht es mit „Speed-Dating“ von Politikern. Etabliert hat sich dagegen das TV-Duell der beiden Spitzenkandidaten. Diesmal duellieren sich am 13. September Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Herausforderer Frank-Walter Steinmeier – und das auf vier Kanälen gleichzeitig.

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