Medien : Medienarbeit à la SPD

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Jeder Politiker pflegt im Umgang mit den Medien seinen eigenen Stil, da gibt es sogar Unterschiede innerhalb einer Partei. Otto Schily beispielsweise, SPD-Innenminister, nimmt nicht nur das Recht auf freie Ärztewahl in Anspruch, auch wer ihm Fragen stellen darf, das will er selbst entscheiden. Matthias Machnig dagegen, SPD-Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfmanager, war in jüngster Zeit recht Interviewfreudig und präsentierte sich des öfteren in Fragerunden mit Michael Spreng, seinem Gegenspieler von der Union. Am Wochenende war dies jedoch ganz anders, innerhalb von wenigen Stunden, am gleichen Ort, in Hamburg. Eine Veranstaltung des „Netzwerks Recherche“ wurde zur kleinen Fall-Studie der Medienkompetenz zweier SPD-Politiker.

Weil er sich kritischen Journalisten gegenüber so schweigsam gibt, sollte Schily von der Journalisten-Vereinigung die „Verschlossene Auster“ überreicht bekommen. Vorher musste der Mann mit der Cäsaren-Frisur jedoch der Laudatio des früheren „Frontal“-Moderators Ulrich Kienzle lauschen. Die gipfelte in der Feststellung: „Mittlerweile ist es eine Auszeichnung für einen Journalisten, von Schily kein Interview zu bekommen.“ Der vernahm es – ungewohnt und überraschend – mit Humor und nutzte seinerseits die Gelegenheit, den anwesenden Journalisten die Leviten zu lesen: „Als Angehöriger einer älteren Generation ist es mir in die Glieder gefahren, als ich in einer Zeitung an exponierter Stelle las, dass Sharon den totalen Krieg ausgerufen habe.“ Dass Israels Ministerpräsident sich so nicht geäußert hatte, stand am nächsten Tag dagegen nur klein auf den hinteren Seiten, kritisierte Schily. Und als jüngst ein Blatt berichtete, dass einem BKA-Papier zufolge in den nächsten 20 Tagen mit Terror-Anschlägen in Deutschland zu rechnen sei, konnte Schily nur fassungslos den Kopf schütteln: „Der Bericht enthält eine solche Aussage nicht!“

Otto Schily keilte auch launig zurück: Ein von Kienzle angeführtes Zitat stamme gar nicht von Dichterfürst Goethe, sondern vom früheren französischen Staatschef Pompidou. „Und für so manche journalistische Methode gilt wohl das italienische Sprichwort: Selbst wenn es nicht wahr ist, so ist es immerhin gut erfunden.“ Der gegenüber unbotmäßigen Interview-Fragern verschlossene Mann nahm die Trophäe, eine Austern-Skulptur, und schritt von dannen. In der Gewissheit, sich Respekt und Lacher verschafft zu haben.

Sein Parteifreund Machnig testete dagegen eine neue Taktik: Er sollte vor rund 400 Journalisten zur Rolle der Medien im Wahlkampf diskutieren, außer ihm war noch der Medienberater von Stoiber, Michael Spreng, zum Thema geladen. Noch bevor die Diskussion begann, forderte Machnig seinen Antipoden auf, zu einem „polemischen“ Stoiber-Interview in der „Bild“-Zeitung vom Sonnabend Stellung zu nehmen. Machnig kritisierte, dass Spreng und Stoiber das Interview angesichts der Tragödie von Erfurt nicht zurückgezogen hätten. „Ab heute ist der Wahlkampf eine Frage des Charakters“, sagte Machnig und wollte nur dann zum eigentlichen Thema diskutieren, wenn sich der sichtlich konsternierte Spreng geäußert habe.

Kurzentschlossen griff Hans Leyendecker, Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ und zweiter Vorsitzender des „Netzwerks“, zum Mikrofon und rief, dass man sich das Programm nicht vorschreiben lasse. Woraufhin Matthias Machnig, unter Buhen und Pfiffen, die Veranstaltung verließ und in das Taxi stieg, das draußen schon auf ihn gewartet hatte. Venio Piero Quinque

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