Mediendiskussion Asien - Europa : "Sie folgen dem Dalai Lama auf Schritt und Tritt"

Beim Asien-Europa-Gipfel in Peking wurde kontrovers über die Sicht des Westens auf China diskutiert - und über die Zukunft der Medien im Internet. Tagesspiegel.de-Chefredakteurin Mercedes Bunz nahm an der Pekinger Debatte teil.

Benedikt Voigt[Peking]

Unmittelbar vor dem Mittagessen sah Moderator Asad-ul Iqbal Latif ein Diskussionsziel erreicht. „Wir haben Demokratie in diesem Gebäude“, rief der Inder begeistert, „jeder redet unterschiedlich.“ So könnte man es auch ausdrücken. Tatsächlich hatte es bei den vierten asiatisch-europäischen Medien-Gesprächen in Peking erstmals Unstimmigkeiten und Widerspruch gegeben, weil der chinesische Journalismus-Professor Li Xiguang in seinem Gastvortrag "Chinas Verlust" den westlichen Medien Einseitigkeit und falsche Informationen vorgeworfen hatte.

Die Asien-Europa-Stiftung (ASEF) hatte am Donnerstag im Rahmen des siebten Asien-Europa-Gipfels in Peking 28 Herausgeber und Leitende Redakteure aus Asien und Europa versammelt, um sich über aktuelle Entwicklungen im Medienbereich auszutauschen. Auf dem Programm standen: Die Auswirkungen der Globalisierung auf die Medien und die Rolle der Medien bei der Vermittlung von Umweltbewusstsein. Auch Professor Li Xiguang hatte ursprünglich über das Umweltthema sprechen wollen, entschied sich aber am Vorabend dazu, die Runde mit einem provokativem Thema zu bereichern: „Wie Asien seine Soft-Power verlor“. Der ehemalige Journalist der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua meinte damit, dass Asien im Agenda-Setting machtlos geworden sei. Er stelle ein „neues Zeitalter der Propaganda“ fest und riss den Graben wieder auf, der China und die europäischen Medien bei der Tibet-Berichterstattung im April getrennt hatte.

Li Xiguang führte Fotos vor, auf denen nepalesische Polizisten tibetische Demonstranten schlagen. Zahlreiche Zeitungen, darunter die „New York Times“ und die „Washington Post“ in ihren Online-Ausgaben, hätten geschrieben, dass darauf chinesische Sicherheitskräfte zu sehen seien. Er machte an diesem Fehler eine „den Zwiespalt zwischen dem Westen und Asien“ fest. Die westlichen Medien würden falschen Quellen vertrauen und nicht den richtigen. „Sie folgen dem Dalai Lama auf Schritt und Tritt“, sagte er, „aber für den Vorsitzenden der kommunistischen Partei Tibets interessiert sich keiner.“ Generell würden sich westliche Medien vor allem mit negativen Geschichten beschäftigen, „zur Unterhaltung wie in einem Hollywood-Film, es fehlen wahrhaftige Informationen über das friedliche Leben“.

Boykott der Olympischen Spiele?

Manche seiner Ausführungen aber wirkten seltsam. So hat es keinen Boykott gegen die Olympischen Spiele gegeben, wie Li Xiguang behauptet hatte. Zudem ist es für ausländische Journalisten zurzeit nicht möglich, die „richtigen Quellen“ in Sachen Tibet zu interviewen – sie dürfen seit den Demonstrationen und Ausschreitungen im März nicht mehr einreisen. Jonathan Watts, Ostasien-Korrespondent des „Guardian“ und Präsident der Vereinigung der Auslandskorrespondenten in China (FCCC), fühlte daher zu Widerspruch angeregt. „Das chinesische Außenministerium hat bestätigt, dass die China-Berichterstattung in den letzten Jahren positiver geworden ist“, sagte der Pekinger Korrespondent. Generell attestierte er China ein Glaubwürdigkeitsdefizit. „Jede Einheit der kommunistischen Partei hat eine Propaganda-Abteilung, deshalb ist es schwer für andere, sich Gehör zu verschaffen“, sagte er. Probleme wie die Aids- oder Krebs-Dörfer in Hebei kämen erst durch ausländische oder unabhängige Medien zum Vorschein. „So lange China das Propaganda-System beibehält, wird es auch ein Glaubwürdigkeitsproblem haben“, sagte Jonathan Watts.

Das Thema Globalisierung waren sich die asiatischen und europäischen Medienschaffenden einiger. Der Slowene Robert Mulej berichtete, dass in Osteuropa bis zu 80 Prozent der Medien in ausländischem Besitz seien. Und obwohl er einmal von einem schwedischen Medienkonzern entlassen worden ist, kommt der Chefredakteur des „Slovenian Business Report“ zu dem Schluss: „Die ausländischen Eigner haben eher positive als negative Wirkung.“ Die Qualität habe sich verbessert, es gebe einen Spillover-Effekt auf die Medien, die in lokaler Hand seien. Allerdings hat die Kommerzialisierung auch Gefahren in Form von Sensationalismus und Infotainment gebracht.

Medien als Marke: Neue Rolle für Journalisten

Tagesspiegel.de-Chefredakteurin Mercedes Bunz beschäftigte sich vor allem mit den Globalisierungs-Effekten durch Internet und der daraus resultierenden neuen Rolle der Journalisten. Überall in Europa sinken die Auflagen der Zeitungen, junge Menschen nutzen das Internet öfter und länger als Zeitungen. Mercedes Bunz erklärte, dass Medien sich in Zukunft als „Marke“ definieren müssten und nicht mehr nur durch ihr Medium.

Und auch die Journalisten müssten eine neue Rolle finden. „Sie sind nicht länger Gate-Keeper, sondern Übersetzer der unzähligen Informationen, die im Internet existieren“, sagte Mercedes Bunz.

Auch in China wandern die Leser ins Internet ab, wie die chinesische Journalistin Huang Yan berichtete. 253 Millionen nutzen das neue Medium in China vor allem um Musik herunterzuladen – und sich zu informieren. „Eine Umfrage hat gezeigt, dass 85 Prozent der Internet-Nutzer in China dem neuen Medium trauen“, sagte die Journalistin der Xinhua News Agency. Zum Beispiel hätten sich viele im Internet über die Ausschreitungen in Tibet informiert. Was allerdings auch mit der fehlenden Glaubwürdigkeit der chinesischen Medien zu tun haben könnte.

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