Medien : Medienecho: Wie deutsche Zeitungen Terroranschläge in den USA kommentieren

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Zahlreich sind die Mahnungen, die in den vergangenen Tagen ausgesprochen wurden, gegen Pauschalisierung, gegen ein Feindbild Islam, für "trotz allem" Rationalität und vorsichtiges Urteil. Sind die Mahnungen berechtigt? Wie sieht das deutsche Meinungsbild aus, wenn man die Leitartikel und Feuilletons dieses Wochenendes anschaut?

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige In der "Welt am Sonntag" denkt Uwe Wittstock über die Prophetenrolle nach, die der Unterhaltungsindustrie plötzlich zugewachsen ist. Im Leitartikel ist von einem "weltweiten ideologischen Kampf" die Rede, von einer "neuen, heißen Front", die "zunehmend Opfer fordert". Guido Heinen verbindet die Terrorangriffe mit der deutschen Zuwanderungsdebatte. Nur jene Ausländer ins Land zu holen, die uns nützen - dieser Gedanke habe "an Aktualität gewonnen".

Der Schriftsteller Zafer Senocak, aus der Türkei stammend, kritisiert den "Schutzschild der Meinungs- und Glaubensfreiheit", der den Terroristen nützlich sei, und das Prinzip "Toleranz für jedermann, Dialog mit wem auch immer": "Eine Demokratie, die ihre Feinde nicht mehr kennt, wird zu einer Gefahr für sich selbst." Senocak: "Der Islam selbst bildet den Bodensatz für die Gewalt." Gottlose oder vom Glauben Abgefallene hätten im Islam "kein Lebensrecht". "Der Islam in seiner heutigen Prägung fordert nicht nur Unterwerfung, er ist im Sinne des Wortes gleichbedeutend mit Unterwerfung".

Der "FAZ"-Leitartikler Georg Paul Hefty spricht von einer "erzwungenen Wende in der inneren Sicherheit". Das angebliche Herunterspielen der islamistisch-terroristischen Gefahr durch die Liberalen vergleicht Hefty mit dem Herunterspielen der Stasi durch die westliche Linke in den Jahren vor 1989. Auch Hefty schlägt eine Brücke vom Terror in den USA zur deutschen Einwanderungsdebatte. Terroristische "Schläfer", also zum Schein Angepasste, die "unserer Leitkultur feindlich gegenüberstehen und auf Schaden aus sind, kann es gerade auch in hochqualifizierten Berufen geben".

In der "Süddeutschen Zeitung" beschreibt Jakob Augstein die Neudefinition und Radikalisierung des Begriffs "Krieg", die im Augenblick stattfindet - den Abschied vom "Mythos des fairen Kampfs", vom Versuch, "im Feind sich selbst zu erkennen". Wolf Lepenies fragt, ob es ein Mittel gibt, den drohenden Krieg der Kulturen zu verhindern - und er nennt die "Trennung von Religion und Politik". Lepenies glaubt, im modernen Islam gäbe es durchaus Tendenzen zu einer "Aufklärung", zu einer neuen, apolitischen Religiosität, und zählt einige Beispiele auf. Der Islam müsse sich aus der "Fundamentalismusfalle" befreien, so, wie Israel sich aus der "Zionismusfalle" befreien müsse.

Die "Kulturkonservativen setzen den geistigen Stahlhelm auf", schreibt Dirk Knipphans in der "taz". Das Unbehagen an einer "offenen Welt", an der Idee eines Global Village, an der angeblichen Spaßgesellschaft, all das mache sich jetzt Luft, mit größerer Wucht als jemals zuvor. Dahinter stehe der alte konservative Gedanke, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei - vielleicht die zentrale Idee jedes konservativen Weltbildes. Die Terroranschläge scheinen dieses Weltbild zu bestätigen - deshalb, so die unausgesprochene Schlussfolgerung, könnte der islamische Fundamentalismus auf der Gegenseite einen westlichen Fundamentalismus hervorbringen, ein übermächtiges Bedürfnis nach Abschottung.

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