Medien : Medienforschung: Synchronisierte Welt

Stephan-A. Weichert

New Yorker helfen New Yorkern beim Wiederaufbau der Stadt und rücken zusammen. Russland und die NATO-Länder solidarisieren sich gegen die terroristische Gewalt und rücken zusammen. Die Medien berichten über die schrecklichen Ereignisse und rücken zusammen. Die ganze Welt rückt zusammen - und trauert: Fremde, die gemeinsam weinen. Freunde, die miteinander diskutieren. Feinde, die einander die Hände reichen - Szenen, denen wir uns nach diesen schlimmen Tagen schwer entziehen können. Überall: im Fernsehen, in Zeitungen, auf der Straße, in Kneipen, in der U-Bahn, vor dem Brandenburger Tor. Morgens, mittags, abends, nachts - immer wieder dieselbe Frage: "Gibt es Krieg?"

Und doch sind es Befürchtungen aus zweiter Hand, erlebt durch die Medien. Wir erleben den Schrecken nur in unserer Vorstellung, fühlen den Schmerz nur in Gedanken, als unmittelbare Zeugen der Medienrealität. Trotzdem gehen uns die Bilder unter die Haut, so, als wäre die mediale unsere eigene, gelebte Wirklichkeit. Die Realität des jetzt so erzwungen wirkenden Alltags ist geprägt durch diese Medienbilder, die in Zukunft unser soziales Handeln beeinflussen, unser Denken bestimmen, unsere zwischenmenschlichen Beziehungen manipulieren, sich in unser Geschichtsbewusstsein bohren werden. Bilder, mit denen wir konfrontiert wurden, als uns das Ereignis irgendwo eiskalt erwischte: allein zu Hause, mit Kollegen im Büro, mit Freunden auf Reisen. Bilder, denen wir in den ersten Sekunden keinen Glauben schenken wollten.

Mit der aufkommenden Mediatisierung ist etwas Neues in der globalisierten Mediengesellschaft möglich geworden, dessen Machtpotenzial gigantisch ist. Genau wie das Attentat auf die USA sind auch die erste Mondlandung und die Beerdigung von Prinzessin Diana, die Hinrichtung des Terroristen Timothy McVeigh und die letzte Welttournee von Superstar Madonna Beispiele für Geschehnisse, die von den Medien weltweit live übertragen und von den Zuschauern als etwas Außeralltägliches wahrgenommen wurden. Als so genannte "Media Events" durchbrechen sie die gewohnten Programmstrukturen der Medien und die Routinen des Publikums. Manchmal, wie bei den Olympischen Spielen oder der Oscar-Verleihung, versammeln sie Milliarden von Zuschauern vor den Bildschirmen.

Globaler Herzschlag

Derlei Ereignisse in den Medien, so sagen Kulturwissenschaftler, seien die neuen sinnstiftenden Großerzählungen der Postmoderne. Sie werden zum Ersatz für die verstummten Meta-Erzählungen, die es seit der 68er-Studentenrevolution und Öko-Bewegung auch in Deutschland nicht mehr gibt. Als kulturelle Gleichmacher wirken sie der gesellschaftlichen Zersplitterung entgegen. Am 11. September ist es nicht anders: Als New York brennt, sieht die empörte Weltöffentlichkeit zu und weint - durch die Kameraaugen von CNN.

Andere Medienforscher gehen noch weiter. Sie sehen in diesen "Media Events" eine Art medial vermittelte Weltreligion: Das Ereignis als religiöser Medienmythos, der den globalen Herzschlag der Menschheit synchronisiert. Wenn sie sich ereignen - oder vielmehr: durch die Medien ereignet werden -, hält die Welt plötzlich inne.

Eine These, die Daniel Dayan und Elihu Katz bereits seit Anfang der 80er Jahre zu belegen versuchen: Die beiden Media-Event-Forscher untersuchten die Präsidentschaftsdebatten zwischen Kennedy und Nixon, die Trauung von Charles und Diana und den Papstbesuch von Johannes Paul II. in Polen. Das Ergebnis ihrer Analysen: Media Events können ein ausgesprochen hohes Integrationspotenzial haben, indem sie eine Gesellschaft an die Einhaltung ihrer gemeinsamen Traditionen, Normen und Werte erinnern.

Die geballte Macht der Medienbilder trifft uns in diesen Stunden besonders hart. Ob ein solches Ereignis in New York, Kabul oder Berlin passiert - erst durch die Medien erlangt es den Einfluss, der die Welt miteinander trauern und streiten lässt, der integrieren und polarisieren kann. Und der die Menschen gerade jetzt zusammenrücken lässt.

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