Medien : Medienforum NRW: Der Feind in unserem Kabel

Thomas Gehringer

"Rezession? Viele nehmen sie vorweg. Dabei kommt sie gar nicht, aber wir haben schon mal darüber geredet." Berufsoptimist Wolfgang Clement (SPD) eröffnete gestern mit einem Anflug von Spott das 13. Medienforum NRW in Köln. Die europäische Medienbranche trifft sich in diesem Jahr allerdings tatsächlich in einer Phase wirtschaftlicher Ernüchterung, was den nordrhein-westfälischen Ministerpräsident herausforderte, der am (Aktien-)Stock gehenden Branche Mut zu machen: Die Internetwirtschaft werde 2001 weltweit 700 Milliarden Euro investieren, und in einigen Jahren werde auch in Deutschland nahezu jeder Haushalt ans weltweite Netz angeschlossen sein.

Weniger spannend scheint es auf dem deutschen Fernsehmarkt zuzugehen. Zwar liefert sich die Branche unterhaltsame Schlachten um Fußball-Rechte und -Sendezeiten, was Clement bissig als "Kollateralschäden bei der Kommerzialisierung und Digitalisierung" bezeichnete. Doch im Grunde hat sich die Fernseh-Landschaft in einer 2+2-Formation recht gemütlich eingerichtet. Vielleicht zu gemütlich, denn die Vertreter von Kirch und Bertelsmann, ARD und ZDF beschworen gestern einen neuen Gegner: Die US-Unternehmen, die derzeit in den einzelnen Regionen das Kabelnetz aufkaufen - und damit das einstige TelekomMonopol durch ein neues ersetzen. Urs Rohner von der ProSiebenSat 1 Media AG verwies warnend auf das Beispiel Leipzig, wo der Kabelbetreiber Primacom Fernsehprogramme nur noch im Paket ins Netz stellen wollte. Und der ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen nahm die Kabelmonopole als Beispiel für die Grenzen politischer Gestaltungsmöglichkeiten in einer globalisierten Wirtschaft: "Man sieht, wie ihnen die Dinge entgleiten", bemerkte der WDR-Intendant zu Clement gewandt. Der räumte ein, dass die Liberalisierung zu früh gekommen sei.

Der Zündstoff zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern hält sich dagegen in Grenzen. Der Streit um Real-Life-Formate à la "Big Brother" hat sich weitgehend selbst erledigt, nur Medienwächter Norbert Schneider brachte in einer launigen Bemerkung TV-Schmuddelkind RTL 2 ins Spiel: "Die haben eine Sendung, die heißt RTL 2 News. Da warte ich immer noch auf die erste Nachricht." Selbst die geplante Online-Offensive von ARD und ZDF, sonst in Presseerklärungen ein gerne gepflegter Konflikt, löste nur mäßige Aufregung aus. Ewald Walgenbach von der RTL Group konnte gelassen auf die enormen Zugriffszahlen beim eigenen Online-Angebot verweisen. Clement mahnte bei ARD und ZDF eine "gewisse Selbstbeschränkung" an, betonte zugleich, dass die Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Systems auf allen technologischen Feldern gesichert werden müsse.

Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin wirkte in dieser Runde ein wenig wie der einsame Rufer in der Wüste. Er mahnte eine Selbstverantwortung der Fernsehsender auf anspruchsvollem Niveau an, aber "nicht in der Schrumpfform: keine Gewalt und nicht so viel nackte Haut". Vielmehr gehe es darum, die Idee einer gemeinsamen bürgerlichen Öffentlichkeit und das europäische Bildungs- und Kulturgut zu pflegen. Könne man da Arte nicht zu einem europäischen Sender ausbauen, fragte er Fritz Pleitgen. "Das wird schwer", antwortete der WDR-Intenant dem Gast aus Berlin, "aber wir versuchen es."

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