Medienkonferenz : Der Preis der Unabhängigkeit

Medienmacher diskutieren beim Sanssouci Colloquium 2010 in Potsdam über die Pressefreiheit.

von und Christian Helten
Daniel Schmitt, deutscher Sprecher der Internet-Plattform Wikileaks.
Daniel Schmitt, deutscher Sprecher der Internet-Plattform Wikileaks.Foto: Jürgen Rocholl

„Heute ist ein historischer Tag“, konnte sich Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, am Mittwoch begeistern. Am Abend sollte der dänische Karikaturist Kurt Westergaard den diesjährigen „M100 Medienpreis“ für Pressefreiheit erhalten, Bundeskanzlerin Angela Merkel war dafür als Rednerin avisiert und Joachim Gauck als Laudator auserkoren.

Zuvor jedoch wurde auf dem M100- Sanssouci-Colloquium, das unter anderem von der Stadt Potsdam, dem Medienboard Berlin-Brandenburg und dem Auswärtigen Amt gefördert wurde, darüber diskutiert, unter welchen Voraussetzungen Pressefreiheit überhaupt möglich ist. Im Fokus standen die Fragen, welche Auswirkungen die Digitalisierung und die wirtschaftlichen Zwänge auf die Freiheit der Presse haben. Für Springer-Vorstandschef Döpfner hängen Freiheit und Unabhängigkeit unmittelbar zusammen. „Es gibt keine journalistische Unabhängigkeit ohne finanzielle Unabhängigkeit“, sagte Döpfner vor den rund 100 Medienvertretern und wandte sich erneut gegen einen „digitalen Maoismus“, nach dem jede Information zu jeder Zeit und für jedermann kostenlos zur Verfügung stehen soll.

Das Sanssouci-Colloquium lädt seit 2005 Chefredakteure und Medienmacher nach Potsdam. Diskutiert wurde in der Orangerie von Schloss Sanssouci auch, ob der Begriff Journalist nicht neu definiert werden muss. Wolfgang Blau, Chefredakteur von „Zeit Online“ sagte: „Durch das Internet kann heute jeder als Journalist arbeiten. Der Zugang ist nicht mehr definiert über die Anstellung bei einer Zeitung oder einem Verlag, sondern darüber, ob jemand, der schreibt, die Standards des objektiven Journalismus umsetzt.“ Der derzeitige Umbruch in der Medienwelt kommt für Blau nicht überraschend. Auch nach der Gutenberg-Revolution hätten in der Publizistik über Jahrhunderte chaotische Bedingungen geherrscht. Für Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur des „Spiegel“ und zuvor in gleicher Funktion für „Spiegel Online“ zuständig, herrscht derzeit eine darwinistische Situation. Auch bei Print und Online werden nur die größten Anbieter überleben.

Daniel Schmitt, einer der Sprecher der Internetplattform Wikileaks, erinnerte daran, dass die digitale Revolution den Menschen keine Wahl lasse. Die technische und die damit verbundene gesellschaftliche Entwicklung sei nicht aufzuhalten. Es sei darum ein Fehler, wenn nur darüber diskutiert werde, wie man die alten Finanzierungsmodelle in eine neue, digitale Welt übertragen wolle. Michael Rediske von der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ findet, man solle statt über Pressefreiheit besser über das Wort Informationsfreiheit reden. Im Kampf um diese Freiheit befänden sich in China zahlreiche oppositionelle Blogger in Haft, sagte Rediske.

Zwischen Blumencron und dem Europa-Chef von Google, Philipp Schindler, kam es zu einem kleinen Disput über die Frage, wo Journalismus aufhört. Für den Spiegel-Mann ist Google längst ein weiteres Medienunternehmen, das mit den von den Nutzern erstellten Inhalten der Videoplattform Youtube Geld verdienen will. Für den Google-Chef ist das nicht vergleichbar. Er sieht selbst auf lange Sicht keine journalistische Kompetenz bei Google.

Mathias Döpfner ist begeistert von den Möglichkeiten des Webs. User Generated Content ist für ihn eine „wundervolle Ressource.“ Trotzdem brauche man Journalisten, denn es sei „ein Unterschied, ob jemand jahrelang gelernt hat, wie man recherchiert und eine Geschichte erzählt, oder nicht“. Und dafür werde ein funktionierendes Geschäftsmodell benötigt: Ein faszinierender Journalismus, für den Menschen zu zahlen bereit sind.

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben