Medienkrise : US-Zeitungen: Bedrohlich nah am freien Fall

San Francisco könnte bald ohne Lokalzeitung dastehen; anderenorts droht Ähnliches. Die Leser fliehen ins Internet. Doch den Verlagen fehlt weiterhin ein Geschäftsmodell - nicht nur in den USA.

Markus Horeld
San Francisco Chronicle
Auslaufmodell? US-Zeitungen stecken tiefer in der Krise den je. -Foto: dpa

Es ist ein Dokument des Grauens: Der jährliche Bericht zur Lage der Medien in den USA sieht die Branche "bedrohlich nahe vor dem freien Fall". Besonders gefährdet seien Wochenmagazine und Tageszeitungen. Der Grund: 2008 informierten sich erstmals mehr Amerikaner auf Nachrichten-Webseiten als in gedruckten Blättern. Das Internet hat die gedruckten Medien endgültig überholt.

Akribisch dokumentieren die Wissenschaftler des Pew Research Center die Symptome der Medienkrise: So sank die tägliche Auflage der  amerikanischen Zeitungen im vergangenen Jahr um 4,6 Prozent, die Gewinne schrumpften gegenüber dem Vorjahr um 14 Prozent – im Vergleich zu 2006 sogar um 23 Prozent. Die Branche verlor schätzungsweise zehn Prozent ihrer Arbeitsplätze. Die Pew-Forscher gehen davon aus, dass Ende des Jahres im Vergleich zu 2001 ein Viertel aller journalistischen Jobs verschwunden sein wird.

Doch nicht nur Jobs sind in Gefahr, ganze Zeitungshäuser stehen vor dem Ruin; oder haben ihn schon hinter sich. Ende Februar lief bei den Rocky Mountain News die letzte Ausgabe über die Druckpressen. Die Tageszeitung aus Denver musste nach fast 150 Jahren ihren Betrieb einstellen.

In San Francisco ist der Chronicle akut bedroht. Sollte sich nicht schnellstens ein Käufer finden, könnte die Metropole demnächst die erste große Stadt in den USA sein, in der es keine lokale Zeitung mehr gibt.

Auch der Seattle Post-Intelligencer stand kurz vor dem Aus, doch der Verleger zog eine ungewöhnliche Notbremse: Eingestellt wurde Anfang der Woche nur die Druckausgabe. Publiziert wird jetzt ausschließlich über das Internet. Andernorts erscheint die Druckausgabe bloß noch am Wochenende. Werktags gibt es nur noch die Internet-Ausgabe.

Die Verfasser des Pew-Reports halten einen generellen "Online-only-Trend" allerdings für unwahrscheinlich. Denn noch generieren Tageszeitungen rund 90 Prozent ihrer Erlöse aus dem Print-Geschäft.

Nur zum Teil lässt sich die dramatische Situation der amerikanischen Zeitungen mit der Wirtschaftskrise begründen. Die meisten Probleme sind struktureller Natur. Und: Sie sind keineswegs neu. Seit Jahren kämpfen die Tageszeitungen mit sinkenden Auflagen, seit fast einer Dekade ist abzusehen, dass sich mehr und mehr Menschen ausschließlich über das Internet mit Nachrichten versorgen.

Dies gilt für die USA genauso wie für Deutschland. Die Zahlen der Allensbacher Computer- und Technik-Analyse (ACTA) sprechen eine deutliche Sprache: Für 20- bis 39-jährige Deutsche ist das Internet inzwischen eine wichtigere Informationsquelle als die Tageszeitung. Nur wer älter als 40 ist, liest durchschnittlich häufiger Zeitung als im Netz zu surfen. 

Alle Generationen, die den Aufstieg des Internets erlebten oder damit aufwuchsen, sind für die Tageszeitungen offenbar verloren. Nichts deutet darauf hin, dass sich diese Leser von ihrer Gewohnheit, News übers Netz zu konsumieren, irgendwann wieder verabschieden werden.

Problematisch an dieser Entwicklung ist, dass es den Verlagen bis heute weder in den USA noch in Deutschland gelungen ist, die Einnahme-Verluste des Print-Geschäfts mit ihren Online-Aktivitäten zu kompensieren. Zwar wurden Nachrichten-Webseiten 2008 so stark genutzt wie nie zuvor, doch die Erlöse stiegen nur marginal. Der Preis für ein durchschnittliches Werbebanner, so die Pew-Studie, fiel im vergangenen Jahr um rund die Hälfte.

Die Krise der Verlage setzt sich also im Netz fort. Tom Rosenstiel, Projektleiter der Pew-Studie, sagt: Klar sei inzwischen, dass die klassische Banner- und Pop-up-Werbung niemals die Erlöse bringen kann, die sie bringen müsste.

Neue Werbe- und Erlöskonzepte sind also gefragt. Die Zeitungen, so der Pew-Lagebericht, müssten ihre Geschäftsmodelle dringend neu erfinden. Allerdings sind die Wissenschaftler skeptisch, ob dies gelingen wird. Derzeit seien viele Verlage so sehr mit ihrer aktuellen Krise beschäftigt, dass ihnen Zeit und die Ressourcen für Innovationen fehlten.

Stattdessen werden alte Konzepte aufgewärmt. Bill Keller, Chefredakteur der New York Times und Journalismus-Urgestein Walter Isaacson plädierten kürzlich dafür, die Nutzer für Netzinhalte bezahlen zu lassen. Der Vorschlag ist nicht nur so alt wie die Krise selbst, er geht vollkommen an der Realität vorbei.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen haben Bezahlmodelle im Internet-Journalismus nirgendwo funktioniert. Der technische und logistische Aufwand – Stichwort Inkasso – ist immens, die Erlöse dümpeln auf traurigem Niveau vor sich hin. Denn kaum ein Nutzer ist bereit, für journalistische Inhalte zu bezahlen, wenn er sie an anderer Stelle  weiter gratis bekommen kann. "Bevor sich Bezahlinhalte durchsetzen lassen ", schrieb Robin Meyer-Lucht kürzlich in einer klugen Analyse, "müsste es zuvor zu einer deutlichen Verknappung des Angebots kommen". Die ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Immer mehr Medien publizieren immer mehr Inhalte im Netz.

Möglicherweise sind Internet-User bereit, für sehr spezielle Inhalte wie Testberichte oder fundierte Börseninformationen zu bezahlen. Doch je allgemeiner und nachrichtlicher die Inhalte sind, desto unmöglicher ist es, dafür Geld zu verlangen. Dass die Verlage dennoch darüber diskutieren, betrachtet der Internet-Experte und Blogger Clay Shirky als Symptom einer nicht lernfähigen Branche: "Leute, die heute Visionen über Zugangsbeschränkungen und Bezahlsysteme postulieren – Visionen, die an der Realität vorbeigehen – werden nicht als Scharlatane betrachtet sondern als Retter."

Doch es gibt auch Ideen, die zu diskutieren lohnt. Immer wieder ist von einer "Kultur-Flatrate" die Rede. Gemeint ist damit eine Art Internet-Gebühr, die auf Anbieter journalistischer Inhalte umgelegt würde. Möglicherweise könnten sogar freiwillige Zahlungen Erfolg haben. Am Ende eines Monats entscheidet der Nutzer, ob und wie viel er einem Verlag, einem Nachrichtenanbieter oder einem Blogger für die abgerufenen Inhalte zahlen möchte.

Ob diese Modelle zukunftsträchtig sind, ist noch lange nicht ausgemacht. Bis dahin kann die Medienbranche nur hoffen, dass wenigstens ein Teil ihrer Publikationen überlebt. Manchmal mögen dafür auch ungewöhnliche Maßnahmen die richtigen sein. Einige der ehemaligen Beschäftigten der eingestellten Rocky Mountain News wollen die Zeitung unter neuem Namen im Netz wiedererwecken. Am 4. Mai soll es losgehen. Einzige Bedingung: 50.000 Menschen, die bereit sind, fünf Dollar pro Monat für das Angebot zu zahlen. Dafür, so die Initiatoren, werde der spirit der Rocky Mountain News dann weiterleben. Möglicherweise hat der Appell ans Herz Erfolg.

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