Medienkrise : Vielfalt, das war einmal bei der WAZ

Die Zeitungsgruppe WAZ streicht 300 Stellen und schließt Redaktionen. Unruhe und Verunsicherung machen sich breit.

Thomas Gehringer

„Zeitung ist keine Ware. Nachrichten sind kein Discountartikel. Ich appelliere an Sie, die publizistische Vielfalt in unserer Region und in unserer Stadt – bei allen notwendigen Einsparungen – nicht in Frage zu stellen." Protestbriefe, Kritik und Mahnungen wie diese hier von Oberhausens Oberbürgermeister Klaus Wehling (SPD) haben die WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach und Christian Nienhaus in den vergangenen Wochen stapelweise erhalten. Genutzt hat es wenig: Die WAZ-Gruppe setzt ihre radikalen Sparpläne ohne Abstriche um. Von 891 Planstellen in den Redaktionen der vier WAZ-Titel „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ), „Westfälische Rundschau“ (WR), „Westfalenpost“ (WP) und „Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung“ (NRZ) werden – inklusive 41 kaufmännische Angestellte – 330 gestrichen, also 37 Prozent. Allerdings wird noch über die Weiterbeschäftigung von 55 Fotoredakteuren verhandelt, so dass die Zahl am Ende unter 300 liegen könnte.

„Es herrscht eine große Unruhe und Verunsicherung", sagt Verdi-Sekretär Norbert Szepan. Offenbar nicht nur bei den Beschäftigten: Eine am Dienstagabend verbreitete Pressemitteilung der WAZ-Gruppe wurde am Mittwoch gleich zwei Mal in veränderter Fassung neu herausgeschickt. Demnach seien bereits rund 200 Mitarbeitern Angebote unterbreitet worden, in Altersteilzeit zu gehen oder aber einen Aufhebungsvertrag zu schließen.

Der Medienkonzern, der mit insgesamt 16 000 Mitarbeitern einen Umsatz von 1,7 Milliarden Euro erwirtschaftet, will dadurch 2009 rund 32 Millionen Euro einsparen. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) kritisiert die Pläne als „konzeptlosen Kahlschlag“. Die Betriebsräte der vier Zeitungen erklären, in den Plänen könnten sie „keine intelligente Lösung der ,Probleme'' erkennen“.

Die bisher getrennt arbeitenden Mantel-Redaktionen sollen zu einem zentralen „Content-Desk“ zusammengefasst werden, der drei der vier Zeitungstitel beliefert. Die Hagener „Westfalenpost“, die vor allem im ländlichen Sauerland erscheint, bleibt außen vor. Sogenannte Titelredaktionen von „WAZ“, „WR“ und „NRZ“ sollen eigenständig über die vom 83-köpfigen „Content-Desk“ gelieferten Inhalte entscheiden. Auf diese Weise sollen sich die überregionalen Seiten der drei Zeitungen weiterhin unterscheiden. Überall gelte künftig das Prinzip „Online first“, heißt es. Das Team des WAZ-Onlineportals „derwesten.de“ soll durch 20 zusätzliche Redakteure verdoppelt werden.

Fundamental werden sich die Sparpläne auf das Zeitungsangebot vor Ort auswirken. In zahlreichen Kommunen und Kreisen arbeiten zurzeit noch eigenständige Lokalredaktionen von jeweils zwei WAZ-Titeln, auch in den Ruhrgebiets-Städten Essen, Duisburg, Mülheim, Oberhausen (jeweils „WAZ“ und „NRZ“). Diese Zeit der relativen Vielfalt ist endgültig vorbei. „Im Bereich der Lokalredaktionen ist in Zukunft eine Vollredaktion pro Stadt bzw. Standort tätig, was keine Qualitätsminderung in der Berichterstattung zur Folge haben wird", heißt es in der WAZ-Mitteilung.

In Betracht kommt an einigen Standorten das „Dortmunder Modell“. Dort dominiert die „WR“, die Lokalredaktion der „WAZ“ fährt eine Mini-Auflage und hohe Verluste ein. Im vergangenen Jahr wurde die „WAZ“-Lokalredaktion geschlossen – bis auf drei Redakteure, die nun die „WR“-Lokalseiten übernehmen und durch eigene Geschichten ergänzen. Ähnlich wird es nun wohl der „NRZ“-Redaktion Essen und der „WR“-Redaktion Hagen ergehen. So bleibt der Anschein von Eigenständigkeit gewahrt – bei stark reduzierten Kosten.

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