Medien : Medienmärchen: Zu viel des Guten

Burckhard Müller-Ullrich

Je großartiger die Möglichkeiten der Recherche in elektronischen Archiven werden, desto mehr verkürzt sich die Erinnerung in den Medien allgemein. Wie sonst ist es zu erklären, dass sich gewisse Automatismen von Erzählung und Entrüstung ständig wiederholen, ohne dass ihre zugrundeliegenden Muster erkannt und benannt werden?

Solche Medienmärchen sind unsterblich wie das Ungeheuer von Loch Ness; sie tauchen in allen Medien und in jeglicher Verpackung auf. Oft sind es die Reflexbögen öffentlicher Erregung, die ihnen einen Anstrich von Glaubwürdigkeit verleihen. Das heißt, sie rechtfertigen sich durch die erzielte Wirkung - ein im seriösen Journalismus inakzeptabler Begründungszusammenhang.

Dennoch tappen auch seriöse Journalisten in diese Falle. So werden Vermutungen als Tatsachen präsentiert, und je größer die gefühlte Empörung, desto wilder das Mutmaßen. Jahrzehntelang spukte die nie bewiesene Geschichte vom Organraub an Kindern in Südamerika durch die Publizistik, stets mit einem antiamerikanischen Unterton und mit immer grässlicheren Details. In der bei westeuropäischen Journalisten beliebtesten Fassung dieses Mythos wurden den Kindern die Augen herausgenommen.

Einige Ethnologen und Soziologen haben sich mit der Herausbildung und Verbreitung solcher "urbanen Legenden" befasst. Doch obwohl manche Bücher (am berühmtesten: "Die Spinne in der Yucca-Palme" von Rolf Wilhelm Brednich) zu Bestsellern wurden, kommt das Wissen über das Wesen von Gerüchten im Redaktionsalltag nach wie vor zu kurz. Ein Beispiel dafür ist die Berichterstattung über das ungeheure Vorkommnis, das Deutschland wochenlang in Atem hielt: die behauptete Ermordung des kleinen Joseph am 13. Juni vor drei Jahren im "Dr.-Petzold-Bad" von Sebnitz.

Wäre das Gedächtnis der Medien auf der Höhe der technischen Möglichkeiten, dann hätte man sich sofort an einen Fall erinnert, der sich am 21. August vor sieben Jahren in Holland zugetragen und internationales Entsetzen hervorgerufen hat. Es war ein Samstag. Im Park von Zuiderrand bei Rotterdam gibt es einen See, in dem sich viele Kinder tummelten. Doch für ein neunjähriges Mädchen wurde, was den anderen ein Vergnügen war, zur tödlichen Katastrophe. Sie kenterte mit ihrer Luftmatratze und ertrank.

Die Kunde von diesem Unfall verbreitete sich anderntags europaweit durchs Fernsehen, denn ein Amateurfilmer hatte die Schreckensszene auf Video festgehalten. Darauf war zwar vom Todeskampf des Opfers nichts zu sehen, wohl aber eine stattliche Anzahl Gaffer. Dazu wurde die Information geliefert, es hätten sich rund 200 Menschen am Ort des Geschehens befunden, von denen niemand einen Finger rührte. Noch eine Information gehörte dazu: Das Mädchen - es hieß Naima Quaghmiri - stammte aus Marokko und war dunkelhäutig. Diese Tatsache sei unter den Umstehenden diskutiert worden, hieß es, auch die Vermutung, daß es sich um ein Kind illegaler Immigranten handele, sei ausgesprochen worden.

Das Entsetzen war groß. Ausgerechnet in den für toleranten Umgang mit Einwanderern berühmten Niederlanden schien der bösartigste Rassismus zu gedeihen. Die Leute hätten einem Kind jede Hilfe verweigert, weil es fremdländisch ausgesehen habe, lautete der Tenor vieler Kommentare. Noch ein halbes Jahr danach, im Januar 1994, schrieb der Londoner "Independent" in diesem Sinne. Da war die Sache allerdings bereits von holländischen und französischen Journalisten als Medienmärchen entlarvt worden: Es hatte sehr wohl Rettungsversuche gegeben, die Menschenansammlung am Strand war gefilmt worden, als keine Hoffnung mehr bestand und die Tragik des Vorgefallenen allen klar wurde.

"Kind ertrinkt in öffentlichem Bad unter den Augen vieler Zeugen, die sich nicht darum kümmern, weil die Eltern Ausländer sind" - dieser Plot war schon damals für viele Journalisten unwiderstehlich. Das tatenlose Zusehen wurde durch die Videoaufnahme in eine mythische Dimension überführt: Ist nicht die Kamera, während sie die Welt zu Zuschauern macht, auf perverse Weise schuld an dem schaurigen Geschehen?

Die Anwesenheit einer Kamera stand jedenfalls im Zentrum der Polemik, die sich genau ein Jahr später an den Umständen eines weiteren Ertrinkungstods entzündete. Der Fall ereignete sich in dem französischen Küstenort Mont-Saint-Michel: Es war Montag, der 22. August 1994, gegen vier Uhr nachmittags. Ein sechsjähriges Mädchen namens Victorine fällt in einen der tückischen Priele, die das Watt um die Inselfestung durchziehen. Die Mutter springt hinterher, um ihr Kind zu retten, doch sie erschöpft sich dabei so sehr, dass sie selbst untergeht. Das alles wird von einem pensionierten Lehrer gefilmt, der die Aufnahme dem Fernsehen anbietet. Der Sender "France 2" strahlt sie aus mit dem Kommentar, zahlreiche Anwesende hätten dem Drama zugesehen, ohne Hilfe zu leisten oder Hilfe zu holen.

Es folgten wieder allgemeines Entsetzen über die Verrohung der modernen Gesellschaft und wieder die nachträgliche Entdeckung, dass die Medienerzählung falsch war. In Wirklichkeit hatten zahlreiche Zeugen sofort Alarm gegeben und versucht, Rettungsgegenstände herbeizuschaffen, nur war es ihnen nicht gelungen, die Frau aus dem Priel zu bergen. Die Leichtigkeit jedoch, mit der die Redaktionen von "France 2", dem Radiosender RTL, der Zeitung "Journal du dimanche" und der Nachrichtenagentur "Associated Press" die Horrorversion mit den herzlosen Zuschauern akzeptierten und verbreiteten, lag an der strukturellen Ähnlichkeit mit jener niederländischen Geschichte aus dem Jahr davor. Man war eben schon eingestimmt.

Solche Mechanismen spielen sich oft im Unterbewussten ab. Je kurzatmiger der Journalismus wird, desto brisanter wird das heimliche Gedächtnis der Geschichten. Darin besteht nämlich ihr mythisches Moment: dass sie auf verborgene Weise miteinander in Verbindung stehen. Und sie bleiben verborgen, weil der Zwang zur Schnelligkeit, die Verlockung der Sensation, die Macht der Gewohnheit und die Stimme des Glaubens den Nachrichtenfluss steuern.

Noch gefährlicher wird es, wenn - wie im Fall Sebnitz - ideologische Rechtfertigungen für voreilige Behauptungen nachgeschoben werden, etwa die, angesichts der vielen fremdenfeindlichen Gewalttaten in unserem Land habe man die Schwimmbad-Erzählung leider für glaubhaft halten müssen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wer Zweifel an der Darstellung von Josephs öffentlicher Ertränkung hatte, der leugnet die fremdenfeindlichen Gewalttaten in unserem Land. Wie schrieb doch der Leitartikler der "Zeit" vor sechs Jahren, als ein Mädchen in Halle sich selbst ein Hakenkreuz in die Backe geritzt und sich dann als Opfer eines Neonazi-Überfalls ausgegeben hatte? "Nein, für Zweifel an jener ersten Nachricht aus Halle gab es keinen Spielraum. Das Erschrecken bleibt, denn noch in der Lüge steckt auch die Wahrheit." Ein kühner Satz.

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