Mediennutzung macht Schuldgefühle : Frust durch Fernsehen

Eine Studie besagt, dass die Suche nach Entspannung mit Medien oft den gegenteiligen Effekt hat. Ein Gespräch mit dem Kommunikationsforscher Leonard Reinecke über Erschöpfung, wo Erholung angestrebt wird.

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J’accuse. Ist der Fernseher schuld, wenn sich der Zuschauer schuldig fühlt? Foto: fotolia
J’accuse. Ist der Fernseher schuld, wenn sich der Zuschauer schuldig fühlt? Foto: fotoliaFoto: Laurent Hamels Fotolia

Herr Reinecke, Medien können Schuldgefühle auslösen, sagt eine aktuelle Studie der Universitäten Mainz und Amsterdam. Welche Schuldgefühle sind das?

Die Ergebnisse unserer Studie sprechen dafür, dass Mediennutzer, die sich am Ende des Arbeitstages besonders müde und belastet fühlen, ein höheres Risiko haben, ihre eigene Mediennutzung als „Prokrastination“ zu interpretieren. Müde und gestresste Mediennutzer neigen also stärker zu dem Gefühl, sie hätten statt Fernsehen zu schauen oder Computerspiele zu spielen eher anderen, wichtigeren Tätigkeiten nachgehen sollen. Das schlechte Gewissen kommt also offenbar dadurch zustande, dass erschöpfte Personen ihre Mediennutzung als Zeichen des eigenen Versagens wahrnehmen: Um sich zu den eigentlich anstehenden Aufgaben zu überwinden, fehlt ihnen die Energie. Stattdessen füllen Unterhaltungsmedien das Kräftevakuum. Statt sich aber auf das Unterhaltungserleben einzulassen, zu erholen und zu entspannen, steht das schlechte Gewissen über die eigene Mediennutzung im Vordergrund und verhindert positive Erholungserträge.

Was genau löst dieses Unbehagen aus?

Die psychologische Forschung legt nahe, dass wir uns die menschliche Willenskraft als eine Art „Muskel“ vorstellen können: Wann immer wir Selbstkontrolle ausüben müssen, beispielsweise um unsere kurzfristigen und spontanen Bedürfnisse und Impulse zu kontrollieren oder um bei einer anstrengenden und unangenehmen Aufgabe am Ball zu bleiben, wird dieser „Muskel“ strapaziert und verliert – temporär – einen Teil seiner Stärke. „Ego-Erschöpfung“ ist die Folge. Wenn wir uns in diesem Zustand befinden, fühlen wir uns zu angenehmen und wenig herausfordernden Tätigkeiten hingezogen, die unsere Selbstkontrolle nicht weiter belasten. Eine geradezu prototypische Freizeitbeschäftigung, die dieses Bedürfnis erfüllt, ist die Nutzung von Unterhaltungsmedien. Gleichzeitig führt uns Mediennutzung in besagter Situation aber auch unsere eigene Unzulänglichkeit vor Augen: Statt uns wichtigeren Dingen zuzuwenden, geben wir unserem Bedürfnis nach seichter Unterhaltung nach – nichts worauf die meisten Menschen stolz sind.

Unterhaltung stresst?

In unserer Gesellschaft gehört Unterhaltung nicht gerade zu den Primärtugenden, die erwartet und gesellschaftlich anerkannt werden. Anders als andere Freizeit- und Erholungsaktivitäten wie zum Beispiel Sport, kulturelle oder soziale Aktivitäten, hat Mediennutzung also nur einen sehr geringen normativen Wert, ist eben nichts, worauf man stolz sein könnte. Nach der Arbeit führt Mediennutzung daher wahrscheinlich eher zu einem schlechten Gewissen als ein Gang ins Fitnessstudio oder der Besuch eines klassischen Konzerts. Und das obwohl Mediennutzung eine durchaus legitime Erholungsstrategie ist.

Hängen die Schuldgefühle mehr mit der Art der Mediennutzung zusammen oder mehr mit den Inhalten?

Entscheidend ist aus meiner Sicht weniger der Inhalt als die negative Interpretation der Mediennutzung als Zeichen des eigenen Kontrollversagens. Die gewählten Inhalte spielen aber auch eine Rolle. Unsere Ergebnisse zeigen, dass erschöpfte Personen nach der Arbeit besonders dazu neigen, sich eher seichter Unterhaltung als gehaltvollen, geistig herausfordernden und zum Nachdenken anregenden Inhalten auszusetzen. Das verstärkt sicher noch das normative Gefühl, die eigene Zeit mit vermeintlich wertloser Mediennutzung verschwendet zu haben – auch wenn darin eigentlich ein substanzielles Erholungspotenzial läge.

Online, Radio, Fernsehen oder Zeitung: Hat eines dieser Medien einen stärkeren negativen Effekt als die anderen?

In der aktuellen Studie haben wir nur die Nutzung von Fernsehen und Computerspielen untersucht. Für beide Mediengattungen zeigten sich ganz ähnliche und inhaltlich absolut vergleichbare Ergebnisse. Da insbesondere die Printmedien in den Augen vieler Menschen wahrscheinlich ein höheres gesellschaftliches Ansehen haben, könnte der Effekt bei diesen allerdings schwächer ausgeprägt sein. Zwar hilft die abendliche Lektüre der Tageszeitung auch nicht bei der Verrichtung anstehender Verpflichtungen, wird aber vielleicht als kulturell „wertvoller“ und somit entschuldbarer erlebt, als die Zuwendung zu purer Unterhaltung. Das bleibt aber Spekulation.

Wer ist mehr betroffen: Männer oder Frauen, Ältere oder Jüngere?

Markante Unterschiede zwischen Männern und Frauen oder unterschiedlichen Altersgruppen haben sich auch nicht gezeigt. Die gefundenen Prozesse scheinen relativ universell zu sein. Es gibt aber auch Persönlichkeitseigenschaften, die durchaus einen Einfluss haben könnten. Menschen mit hoher Leistungsmotivation könnte es beispielsweise schwerer fallen, unterhaltsame Mediennutzung sich selbst gegenüber zu rechtfertigen. Das haben wir aber nicht untersucht und ist somit reine Spekulation.

Folgt man dem Tenor der Studie, dann bedeutet Mediennutzung in der Freizeit Arbeit und Anstrengung. Gar keine Entspannung und Erholung möglich?

Doch! Mit Sicherheit! Ergebnisse aus dem Labor belegen ganz klar das Erholungs- und Entspannungspotenzial von Unterhaltungsmedien: Diese können helfen, sich psychologisch von Stress und Belastung zu distanzieren und zu entspannend und tragen zusätzlich durch Erfolgs- und Kontrollerlebnisse zum Beispiel beim Computerspielen zur Erholung bei. Das funktioniert natürlich dann besonders gut, wenn die Mediennutzung in ein ausgewogenes „Erholungs-Menü“ eingebunden ist, also durch andere Erholungsaktivitäten wie Sport oder Zeit mit Freunden ergänzt wird.

Warum nutzen Menschen Medien in so großem Maß, wo sie doch wissen, dass Schuld und Sühne auf dem Fuß folgen?

Gerade wenn wir erschöpft sind, ziehen uns angenehme, positive und wenig anstrengende Aktivitäten wie Medienunterhaltung quasi magisch an. Dass wir Medien in so großem Umfang nutzen, liegt aber selbstverständlich nicht bloß an eskapistischen Motiven. Medien erfüllen neben Zerstreuung und Unterhaltung eine riesige Bandbreite von menschlichen Grundbedürfnissen, sei es das Eintauchen in fantastische Welten, die Online-Kommunikation mit Freunden, die Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens bei der Rezeption eines bewegenden Dramas oder Information und geistige Herausforderung bei einer interessanten Dokumentation. Manchmal haben wir dabei ein schlechtes Gewissen – sehr oft aber eben auch nicht.

Das Interview führte Joachim Huber.

Leonard Reinecke ist Juniorprofessor für Publizistik an der Universität Mainz. Die Studie über Schuldgefühle durch Mediennutzung entstand in Zusammenarbeit mit der Uni Amsterdam.

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