Medienphänomen : Die Ludolfs: Viel Gefühl, wenig Grammatik

Die Ludolfs: Wie vier Brüder, die Autos ausschlachten, zum Medienphänomen werden konnten.

Deike Diening
Ludolfs
Profiteure der Abwrackprämie -Foto: Dmax

Dass ein Reifenhändler im Westerwald zur Premierenparty ihres Kinofilms am vergangenen Wochenende 120 000 Reifen aus seiner Halle schaffte, um für 1500 Menschen Platz zu machen, ist nur die letzte, beeindruckende Zahl. Und dass der Film „Danke für Italien“ jetzt anläuft, ist nur die letzte Etappe auf einem erstaunlichen Marsch der vier Brüder Ludolf durch die Medien. Denn über drei Jahre geht das jetzt schon so. Drei Jahre, während derer die vier Brüder im Westerwald ihre ölige Kleidung kaum gewechselt haben, während derer sie in Form einer Doku-Soap eine erstaunliche Menge Zuschauer an den „Männer“-Sender DMAX gebunden haben. DMAX ist ein Sender, bei dem man auf einer breiten Spur Motoröl durchs Programm rutscht und wo Männer immer dann als „echt“ bezeichnet werden, sobald sie ein bisschen dreckig sind. Denn Dreck kann nicht unecht sein.

Uwe, Günter, Peter und Manni haben von ihren Eltern eine Autoverwertung geerbt, die sie auf eine einzigartige Art betreiben. Sie haben zum Beispiel etwas gegen Regale. Die Autoteile lagern deshalb in riesigen Haufen, in deren innerer Struktur nur Peter sich noch auskennt, der bei Bedarf einen dieser Haufen besteigt, um einen Katalysator herauszuangeln.

In der Serie wie nun im Film passiert in aller Schlichtheit Folgendes: Sie beinen ihre Autos aus. Uwe macht schlechte Witze über „lecker Mädschen“. Sie machen sich mal eine Dose Rotkohl heiß. Peter, offenbar ohne rechten Kreislauf, schläft gerne am helllichten Tag ein. Die Kamera guckt dann immer interessiert, was die Schwerkraft mit seinem Körper macht, sie wandert über den gesackten Kopf, den Bart, das Gesicht. Der wortkarge Günter nimmt am Telefon die Wünsche nach Auspuffen und Lichtanlagen entgegen. Manni versorgt das Grab der verehrten, aber leider schon dahingeschiedenen Eltern. Sie philosophieren währenddessen mit viel Gemüt und wenig Grammatik über das Leben, schließlich haben sie die Sprache im Ruhrpott gelernt. Sie piesacken sich ein bisschen. Sie strahlen jedoch bei allem, was sie tun, einen unbedarften Charme aus.

Das kommt an. Und zwar derart, dass die Brüder inzwischen den Tag mit Autogramme-Schreiben verbringen könnten. Die Produktionsfirma hat „Tage der offenen Tür“ eingeläutet, um die Fans irgendwie „zu kanalisieren“. Zu ihrem Bedauern hat das nicht geklappt. Die Fans kommen auch einfach so. Sie haben auf dem Hof der Autoverwertung einen Weihnachtsmarkt veranstaltet, bei dem die Brüder Papst-artig ans Fenster ihres Hauses traten und von einer Menschenmasse bejubelt wurden. Es kann auch sein, dass während der Dreharbeiten Kunden und Fans gleichzeitig vor der Tür stehen. „Das geht natürlich nicht“, sagt der Produzent. So kann ja niemand mehr arbeiten.

Und doch ist das ein Dilemma, denn in der Serie geht es ja um ein real existierendes Geschäft. Wenn keine Kunden mehr kämen, gäbe es keine Doku mehr, nur noch Soap. „Wir brauchen ja den Alltag“, sagt der Produzent.

Joachim Schroeder mit seiner Firma previewproductions produziert die vier Brüder – und sie produzieren sich. So hat sich über die Jahre eine Wechselbeziehung eingespielt. Das Fernsehen verkabelte im Sommer 2006 das Haus in Dernbach, die Lagerhalle, den Hof, sie quartierten sich über Wochen mit ihrem Team erst im Haus gegenüber ein, später machten sie einen Deal mit einem Hotel um die Ecke. Alles wurde ungeheuer nah. Man könne schon sagen, dass sie über drei Jahre und sechs Staffeln so etwas wie Freunde geworden sind, klar, das bleibt nicht aus, sagt Schroeder.

Wenn die Fernsehlampen aus sind in Dernbach, geht das Merchandising weiter: Puzzle, T-Shirts, Schuco-Autos, Tassen, ein Buch und ein Comic. Und Handytöne. Da sagt dann Manni: „Uwe, du warst fiese zu mich.“ Am Neujahrstag 2009 hat DMAX 24 Stunden lang die „Ludolfs“ laufen lassen, was ihnen statt eines Gähnens die höchsten Einschaltquoten seit Bestehen des Senders bescherte: 1,9 Prozent in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Es war Zeit, dass die Knaben zu Stefan Raab kamen und zu „Schmidt & Pocher“ aufs Sofa.

Man könnte Angst bekommen um sie, die nach all der Zeit immer noch so gutgläubig und spontan wirken. Unkorrumpierbar. Gehören sie zu einer seltenen, bedrohten Tierart, die in einem Streichelzoo gelandet ist? Die Ludolfs sind gutmütige Trolle, die ihr Leben lang zusammengehangen sind. Ihr Leben ist jetzt eine KULTSERIE, kann man jemandem etwas Schlimmeres wünschen?

Peter hat einmal durchblicken lassen, dass er doch gerne etwas verändern würde bei sich zu Hause. Dass 30 Jahre für eine Tapete ruhmreich, aber genug sind. Dass er sogar schon einmal neue Stühle besorgt hat. Doch es gebe da den Vertrag mit der Produktionsfirma ...

Man kann dann in München anrufen und Produzent Joachim Schroeder sagt: „Das ist teilweise auch Geflunkere. Es gefällt ihnen ja so, wie es ist.“ Sie sagten das nur so, sie meinen das nicht wirklich. Und sie würden eine Renovierung auch filmen. Das hätten sie schon einmal angeboten. „Wenn sie das wirklich wollten, dann würden sie es auch machen.“

Das Schöne sei ja auch, sagt Schroeder, dass der Ruhm sie in einem Alter getroffen habe, in dem er ein Leben nicht mehr erschüttere. „Ja, wenn sie 20 gewesen wären!“ Nun sind aber drei der vier Brüder schon jenseits der 50, und alle vier sind merkwürdig resistent gegen die Versuchungen jenes Gewerbes, in dem sie so viel Erfolg haben. „Die können ja gar nicht anders, als ehrlich antworten. Das ist ja das Tolle.“

Aber was tun die Brüder mit dem Geld, das sie ja nun zweifellos verdienen in diesen Jahren? Man sieht in ihrer Umgebung keine Spur des Geldes.

„Wieso auch, sie haben doch alles“, sagt Produzent Schroeder.

Alles. Er könnte jetzt die speckige Tapete meinen, den rissigen Fußboden, über dem Stuhl an der Wand den Jahreskalender, der da, wo der Kopf gewöhnlich lehnt, eine bräunlich-gelbe Stelle hat. Vielleicht meint er aber auch: Sie haben doch alles, was sie brauchen, um Erfolg zu haben. Dieses „alles“, das eben genau aus dieser Umgebung besteht und Grundlage ist für die Begeisterung. Dafür, dass sie so sind, sind sie berühmt geworden. Das Besondere an ihnen ist ja, dass offenbar unser aller Obsession nach Geld und Geltung, verbunden mit Körperpflege, schöner Wohnen und gesunder Ernährung für sie nicht zu gelten scheint. Nie haben sie einen Lebensstil mit viel Gemüse angestrebt. Unmöglich, jetzt abzuheben. Unmöglich, jetzt normal zu werden.

Mit ihrer Idee, die Ludolfs so wie sie sind ins Fernsehen zu bringen, sagt Schroeder, sind sie damals hausieren gegangen, von Sender zu Sender. „Und immer gab es Einwände.“ Viele hatten Angst. Dem einen waren die skurrilen Witze nicht politisch korrekt genug, andere hatten keinen Slot, und könne man überhaupt Menschen, die so aussehen, vor die Kamera zerren?

Ich kann Ihnen sagen, sagt der Produzent, dass die anderen Fernsehsender in den letzten Jahren viel gesucht haben nach Menschen für so ein Format. Aber solche wie die Ludolfs haben sie kein zweites Mal gefunden.

Jetzt reisen die vier Brüder im Kinofilm mit dem Wohnwagen nach Italien. Die ersten drei Tage, Donnerstag, Freitag, Samstag, wenn ein Film anlaufe, entschieden über die Spieldauer in den Kinos und den weiteren Verleih. Da braucht man gute Zuschauerzahlen, sagt der Produzent Joachim Schroeder. Ehrlich, sagt er, er ist sonst nicht so, aber über Ostern wünscht er sich schlechtes Wetter.

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