Medienpolitik : Der schwarze Kanal

Ungewöhnlichee Amtshilfe: Der Düsseldorfer Regierungssprecher setzt sich beim "Focus" für die WAZ-Gruppe ein.

Jürgen Zurheide
Wichter
Hans-Dieter Wichter, Sprecher der Landesregierung Nordrhein-Westfalen. -Foto: dpa

Der Briefschreiber fühlt sich erkennbar unwohl. An mehreren Stellen windet er sich, spricht erst von einer „sensiblen Angelegenheit“ und schließt mit dem Hinweis, die Sache „wie stets“ vertraulich zu behandeln. Zwischendurch bittet er den Adressaten, ihm dabei behilflich zu sein, die „Irritationen“ auszuräumen, die in der Essener WAZ-Gruppe entstanden seien. Der Brief verwundert inzwischen viele in Düsseldorf, denn bei dem Autor handelt es sich um Hans-Dieter Wichter, den Sprecher der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen aus CDU und FDP, gerichtet ist er an Helmut Markwort, den Chefredakteur und Herausgeber des Nachrichtenmagazins „Focus“.

Wichter leistet auf zwei Seiten ungewöhnliche Amtshilfe für den Essener WAZ-Konzern. Inzwischen hat dieser Brief an unterschiedlichen Stellen für weitere Irritationen gesorgt. In der Düsseldorfer Staatskanzlei schüttelt der eine oder andere den Kopf darüber, dass sich der Regierungssprecher auf diesem Wege in eine Sache einmischt, die ihn – wenn überhaupt – nur mittelbar betrifft. In der Chefetage der Essener WAZ-Gruppe zeigt man sich verwundert. „Ich kenne das nicht“, lässt sich Bodo Hombach, einer der beiden Geschäftsführer, entlocken, und die Sache mit den Irritationen will er so auch nicht stehen lassen. Eine Reaktion von Helmut Markwort steht noch aus.

Die Irritationen sind offenbar entstanden, nachdem ein Bericht über das WAZ-Streichkonzert im NRW-Teil des Münchener Magazins gestanden hat. Dort wird – zutreffend – beschrieben, wie sehr sich der Auftritt der vier bisher unabhängigen Titel verändert hat. Die „WAZ“, die „NRZ“ und die „Westfälische Rundschau“ sind in den vergangenen Wochen deutlich weniger unterscheidbar geworden, weil sie ihren überregionalen Teil inzwischen weitgehend aus dem Angebot eines zentralen „Content Desks“ basteln, das „WAZ“-Chefredakteur Ulrich Reitz unterstellt ist. Die Zentralredaktion ist Teil eines gewaltigen Umbaus in der Essener Mediengruppe. Die Eigentümer haben Reitz abverlangt, insgesamt 30 Millionen Euro pro Jahr an Personalkosten einzusparen; was unter dem Strich bedeutet, dass jede dritte Stelle in den Redaktionen wegfallen muss, um das anvisierte Sparziel zu erreichen. Nach heftigen internen Kämpfen kann Reitz inzwischen Vollzug melden: 275 Mitarbeiter haben die Angebote angenommen und entweder ihre Verträge gegen Abfindungen aufheben lassen oder sind in die Frühpension entlassen worden.

Das gesamte Vorhaben hat alte Grundsätze für die Zeitungsmacher von der Ruhr über Bord geworfen. In der Vergangenheit hatte der WAZ-Konzern stets das Konzept von vier unabhängigen Titeln in einem gemeinsamen Verlag und Vertrieb als Erfolgsmodell gefeiert; die Konstruktion war vor Jahrzehnten vom Kartellamt unter der Auflage genehmigt worden, dass die redaktionelle Unabhängigkeit gewahrt bleibt. „Wir haben das Chefredakteursprinzip, jeder kann seine eigene Zeitung machen“, erklärt Ulrich Reitz auch heute noch und verweist darauf, dass die Zahl der Autorenbeiträge mit dem neuen Modell zugenommen habe. Die Wahrnehmung von Reitz teilen nicht alle. Kajo Döring, Geschäftsführer des DJV-Landesverbandes NRW, hat etwas völlig anderes beobachtet: „Es kommt nur noch Einheitsbrei dabei heraus.“ Er hält das gesamte Konstrukt für verfehlt, weil die WAZ-Titel ihre eigentliche Stärke verspielen. „Lokal dünnen die aus und da wird die Berichterstattung schlechter, weil das Personal fehlt und sich weniger Leute um größere Gebiete kümmern müssen.“

Die entsprechende Berichterstattung im „Focus“ hat nun den Regierungssprecher auf den Plan gerufen. Nachdem er ihm den Sachverhalt geschildert hat, endet er mit einer Bitte. „Vielleicht gelingt es Ihnen, die entstandenen Irritationen auszuräumen“, fragt er Helmut Markwort, der genauso wenig Auskunft darüber geben wollte wie Hans-Dieter Wichter, in welcher Form man sich nun bemüht, die Irritationen auszuräumen. Wie zu hören ist, soll Ulrich Reitz seine Sicht der Dinge demnächst im „Focus“ per Interview ausbreiten dürfen, aber bestätigt wurde das nicht.

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