Medien : Medienrepublik (10)

Das Wort Hechtsuppe kommt praktisch nur in einem einzigen Zusammenhang vor, nämlich dem Satz: Es zieht wie Hechtsuppe. Kann die arme Hechtsuppe nur diese einzige Sache - das Ziehen? Tun wir der Hechtsuppe nicht bitter Unrecht, indem wir ihren facettenreichen Charakter auf eine einzige Tätigkeit reduzieren, so, wie man es mit Naddel und den Ludern tut? Oder, ganz andere Frage, Steffi Graf - ist sie nicht wunderbar? Die Heirat mit Agassi, die Geburt, das alles hat sie mit einer professionellen Diskretion durchgezogen, die sich von der Boris-Becker-Story aufs Angenehmste unterscheidet. Exklusive Fotos von Steffi Graf sind schwerer zu kriegen als Fotos von Osama bin Laden in Badehose. Deswegen musste "Bild" zu einer Verzweiflungstat greifen. Vor der Hochzeit zeigten sie Fotos von irgendwelchen deutschen Kirchen und fragten, warum Steffi Graf nicht in Deutschland, sondern in Amerika heiratet. Wo doch die Kirchen hier so schön sind. Interessanterweise haben sie keine deutschen Männer gezeigt.

Ende des Kapitels über die guten Frauen.

Luder hat es übrigens schon immer gegeben. Das Spionierluder Mata Hari, das Mercedesluder Rosemarie Nitribitt, das Franzmannluder Madame Pompadour, und dann erst die Literatur - da ludert es wie Hechtsuppe. Das Luder ist halt eine dieser Konstanten der Menschheitsgeschichte, genau wie der Hallodri, die Zimtzicke, die Nervensäge oder der Schluckspecht. Aber wie ist das Luder anno 2001 zur Lieblingsheldin des deutschen Boulevards geworden?

Das moderne Luder will Sex (das finden die Luderopfer erst mal eher gut), aber hinterher legt es sein Opfer rein, indem es die Sexgeschichte an die "Bild" verkauft. Das Luder ist also eine klassische Bestrafungsfantasie, gewissermaßen das weibliche Pendant zum Aidsvirus: Wer es zu toll treibt, der muss irgendwann dafür bezahlen. Diese Idee gefällt vor allen denen, die es selber nicht so toll treiben. Die "Strafe" besteht in einem Imageschaden und im Verlust von Intimsphäre, ein sehr modernes Strafkonzept.

Auch wenn die Leute es nicht hören wollen - die Welt ist gar nicht so. In Wirklichkeit kommen diejenigen, die es mit der Unsittlichkeit übertreiben, meist straflos davon. Das Marketing-Genie Marcel Reich-Ranicki zum Beispiel. Die "Woche" hat eine Promi-Umfrage gestartet, dazu, welche Bücher man verschenkt und welche man sich zu Weihnachten wünscht. Reich-Ranicki: "Ich verschenke ausschließlich meine eigenen Bücher, und zwar vornehmlich..." (es folgen zwei weniger bekannte Werke). Und, was wünscht er sich? Da zumindest kann er keine Eigenwerbung betreiben! Antwort: "Ich wünsche mir zum Fest allerlei, aber keine Bücher." Solch einen Menschen nennt man ein Weihnachtsgeschenk-Luder. Wenn mehr Platz wäre, müsste man jetzt zum Thema Ulla Hahn übergehen.

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