Medien : Medienrepublik (101)

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Malte Lehming rechnet ab mit der Angst vor der Wahrheit – im Irak und andernorts

Einen Artikel über eine Diktatur zu schreiben, ist leicht – es sei denn, man lebt in einer. Telefone können angezapft, Korrespondenten ausgewiesen, Informanten eingesperrt oder gar gefoltert werden. Das geht oft ruck, zuck. Sich für jeden Bericht Ärger einzuhandeln, ist anstrengend und auf die Dauer zermürbend. Nur wenige schaffen es, die Balance zu halten zwischen den Idealen eines kritischen Journalismus und einer gewissen notwendigen Willfährigkeit. Meistens werden die Ideale dem Ruhebedürfnis geopfert. Das ist menschlich, leider.

In den USA ist jetzt ein Buch erschienen, das die Arbeit der ausländischen Medien im VorkriegsIrak analysiert („Embedded: The Media at War in Iraq“). Der Autor, John Burns, ist Korrespondent der „New York Times“. Er hat aus China berichtet, der Sowjetunion, Afghanistan und Bosnien. Bis vor kurzem leitete er das Büro seiner Zeitung in Bagdad. Burns ist Profi und frei vom Verdacht der Voreingenommenheit. Sein Buch aber klagt an. Kaum ein westlicher Korrespondent habe sich getraut, die Wahrheit über das Regime von Saddam Hussein zu schreiben, über das Foltern und massenweise Abschlachten. Das Maß an Anbiederei sei peinlich und bestürzend gewesen. Eine Frau zum Beispiel, die mit einem CNN-Reporter geredet hatte, wurde erst monatelang vor den Augen ihres Vaters verprügelt, dann rissen ihr die Saddam-Getreuen alle Gliedmaßen heraus und legten am Ende den Plastiksack mit den Körperteilen vor die Haustür der Familie. CNN kannte den Fall, hat ihn aber nie öffentlich gemacht. Das hätte unsere Quellen gefährdet sowie das Leben unserer Korrespondenten, heißt es dort. Burns schätzt, dass etwa 5000 Zivilisten während des Irak- Kriegs getötet wurden. Das seien weniger, schreibt er, als „Saddams Killer“ durchschnittlich in demselben Zeitraum umgebracht hatten.

Wurden vor dem Krieg die Gräuel untertrieben, wird nach dem Krieg das Chaos beschworen. Dabei gibt es eine Realität jenseits der täglichen Anschläge und Sabotageakte. Immer mehr Irakis haben Strom und fließend Wasser. Fast überall im Land geht der wirtschaftliche Wieder- und der politische Neuaufbau voran. Der Widerstand beschränkt sich zumeist auf eine kleine sunnitische Enklave im Nordwesten von Bagdad. Wer die Lage im Irak mit der Lage in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vergleicht, stößt auf einen beachtlichen Geschwindigkeitsunterschied: Im Nachkriegs-Deutschland hat alles – von der Bildung einer Übergangsregierung, der Gründung einer Zentralbank, der Einführung einer neuen Währung, der Aufbau einer Polizei – mindestens viermal so lange gedauert wie heute im Irak. Es ist grotesk: Aus Angst unterschlagen die Medien die schlechten Nachrichten aus einer Diktatur und aus Sensationslust die guten Nachrichten aus einem befreiten Land. Aber so läuft das Geschäft nun mal. Ausnahmen bestätigen die Regel.

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