Medien : Medienrepublik (110)

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Norbert Thomma über Suhrkamp

und den Enzensberger als Effenberg

Bitte, liebe Leserinnen und Leser, nehmen Sie nun bitte die Hüte vom Haupt und neigen selbiges, bis das Doppelkinn sich wölbt. Wir trauern gemeinsam um einen guten alten Freund: den Suhrkamp-Verlag. Er wurde vergangene Woche in allen Feuilletons zu Grabe getragen. Wer das nicht alles haarklein verfolgt hat, dem sei in Kürze geschildert, was bisher geschah: In einem Literaturparadies (Suhrkamp) saß die Weisheit des Abendlandes (Enzensberger, Habermas, Kluge …) zusammen am Lagerfeuer, da kam auf dampfendem Ross die Osama Bin Laden (Ulla Berkéwicz) des Buchbetriebes herbeigefegt, warf ein paar Stingerraketen in die Glut und … – bumm!!! Wo vorher Friede war und Bildung, bleibt nur ein schwarzer Krater. Na und?

Wollen’s für die Sportinteressierten mal so sagen: Uwe Seeler spielte beim HSV, bis er keine Haare mehr hatte. Da mochten die Italiener mit den Lire winken oder Frankfurt mit einer Lottobude, nie nie nie hätte Uwe seinen Verein verlassen. Der Effenberg dagegen kickt für ein paar Millionen Dollar auch für einen Scheich in der Hitze der Nacht. Er sagt dann: „Es geht nicht ums Geld, ich suche eine neue Herausforderung."

Auch wenn es weh tut, es ist nun mal so: Der patriarchalische Unternehmer ist mausetot. Legenden deutscher Schaffenskraft sind im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu besichtigen (Borgward, Modern Talking, Nordmende …). Und das Erstaunliche daran ist: Die Welt steht deshalb nicht still. Teilen wir das Erbe von Suhrkamp also einfach auf. Will jemand Martin Walser? Hallo, hallo, Walser zum ersten, zum zweiten …, ja, die Dame da hinten von Rowohlt, Walser geht für 46 000 Euro an Rowohlt!! Sehen Sie, so einfach ist das. Es könnte natürlich sein, dass es bei Walser ist wie bei Jan Ullrich. Wenn Ullrich den Stall wechselt, bringt er seinen eigenen Betreuer mit. Ja, in Wirklichkeit sucht der Betreuer für sich und den …, aber bitte, wir sind nicht beim Radsport, sondern bei der Literatur!

In den US-amerikanischen Profi-Ligen werden die Akteure getauscht, damit die Sache nicht so langweilig wird. Warum also sollte Suhrkamp den Kluge nicht an KiWi abgeben, für einen anständigen Scheck und Stuckrad-Barre als Dreingabe. Und Bastei-Lübbe kauft Enzensberger für ein Bücherjahr mit Option. Skandal! Skandal? Enzensberger sagt: „Ich finde es ungeheuer spannend, in diesem neuen Umfeld etwas aufbauen zu können. Die zwei Millionen Euro spielen dabei überhaupt keine Rolle.“ Drei Monate im Jahr darf HME übrigens für den Sultan von Ogadir gegen Petrodollar Gedichte vom Arabischen ins Deutsche übertragen.

Wie lange würde es dauern, bis Suhrkamp vergessen ist? Vermisst heute noch jemand das Gogomobil? Das war auch mal ein deutscher Mythos.

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