Medien : Medienrepublik (111)

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Matthias Kalle trinkt zwölf

doppelte Korn auf Donald Rumsfeld und die anderen Partygranaten des Jahres 2003

Wie, wenn nicht im Zorn, blickt der kluge Mensch zurück, da er doch weiß: Das Vergangene war immer schlecht, die Gegenwart ist unerträglich, und die Zukunft wird ein einziges Desaster werden. Der kluge Mensch also, der setzt sich im Dezember eines jeden Jahres an den Küchentisch, vor sich zwölf doppelte Doppelkorn, und immer, wenn er einen davon wegsüppelt, erinnert er sich an einen der vergangenen Monate. Und am Ende ist es ihm auch alles eigentlich vollkommen egal.

Der dumme Mensch aber, der aus dem Vergangenen seine Lehren zieht, dem die Gegenwart ein steter Quell der Freude ist und der die Zukunft in leuchtenden Farben zu sehen glaubt, der sucht die mediale Rückschau, und da findet er allerhand: Entweder im Fernsehen, bei Jauch oder bei Kerner, oder in den Extraausgaben von Magazinen, sei es „Spiegel“, sei es „Max“, um mal das Beste und das Schlimmste zu nennen. Wir Autoren der Medienrepublik, wir sind natürlich kluge Menschen, allesamt. Wir lesen einfach noch mal alle vergangenen 52 Folgen, wischen uns die Tränen der Rührung aus den Augen und denken. „Ach! Schenk ein! So jung kommen wir nicht mehr zusammen.“ Was für ein Jahr in der Medienrepublik! Wir fanden heraus, dass Donald Rumsfeld gar kein Zyniker ist, dass es nicht das Jahr für Helden war, wohl aber eines für die Liebe. Und so bastelten wir aus den Schlagzeilen von Tageszeitungen ein Börsengedicht, wir erinnerten an das Gogomobil, arbeiteten uns an Franz Josef Wagner ab, an Johannes B. Kerner und Michael Palme, an der „Sportschau“ und der „FAZ“. Oftmals gingen wir kritisch mit unserem Berufsstand um, allerdings auch mit den Berufen des Radfahrers (Jan Ulrich) und dem des Torhüters (Oliver Kahn). Manchmal ging unser Blick in die Schweiz, oftmals in die USA. Wir forschten nach dem Sinn in den Begriffen „Partygranaten“ und „Sixpacks“, und wir machten uns auf die Suche nach der „linken Kampfpresse“. Wir beleuchteten die Comeback-Chancen von Friedman, Schreinemakers und Willemsen, und wir erinnerten an Kurt Tucholsky. Wir erkannten eine Abnutzung des Wortes „spannend“ und fehlerhafte Verwendungen von Metaphern – nicht nur im Zusammenhang mit Maischberger (aber da auch). Obwohl wir manchmal die „Welt“ nicht mehr verstanden – die „FAZ“ allerdings auch nicht – belegten wir unser Gedachtes und Geschriebenes trotzdem mit „Fakty, Fakty, Fakty“.

Ja, so war das. Beim elften Doppelkorn stand dann fest: Es war alles Qual, Leid, Tragödie. Kam aber noch schlimmer, die Medienrepublik erlebte in der vergangenen Woche ihre bisher größte Katastrophe, doch wir halten uns an das, was der Herrscher der Medienrepublik (und gleichzeitig Auslöser der Katastrophe) als Motto ausgab, ach was: als Vermächtnis: „No risk, no fun.“ Der zwölfte, der letzte Korn. Zum Wohl. Auf ihn. Trotz allem.

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