Medien : Medienrepublik (113)

-

Malte Lehming über Kannibalen, Hundekot und noch mehr Deutsches

Auslandskorrespondenten klagen einander gern ihr Leid. Ihr Land sei so spannend, maulen sie, doch die daheim wollten immer dieselben Geschichten. Aus Afrika die Armut, aus China die Unterdrückung, aus Frankreich die Streiks, aus England die Skandale rund ums Königshaus. Amerika bildet da keine Ausnahme. Wer von dort regelmäßig über Guantanamo, die Todesstrafe, eine gleichgeschaltete öffentliche Meinung, Halliburton, sozialen Darwinismus sowie fiese Neokonservative, Unilateralisten und Umweltverschmutzer berichtet, trifft den Geschmack des europäischen Publikums.

Und womit verdient der Deutschland-Korrespondent, der für ein US-Medium arbeitet, sein Geld? Der aktuelle Renner ist Amin Meiwes. Der Kannibale von Rotenburg beschäftigt CNN-Zuschauer ebenso wie Leser der „New York Times“. Kurz davor wunderte man sich über einige juristische Subtilitäten bei der versuchten Ahndung terroristischer Verbrechen. Ein amerikanischer Freund fasst das kollektive Kopfschütteln seiner Landsleute zusammen: „Das Aufessen von Menschen ist bei euch nicht verboten, die Gruppe um Mohammed Atta, die die Anschläge vom 11. September 2001 verübte, war nach Ansicht des Hamburger Oberlandesgericht keine terroristische Vereinigung - aber um das Wohlergehehen Saddam Husseins sind die Deutschen unendlich besorgt.“

Was bewegt noch? Der Hundekot. Ein Reporter der „Washington Post“ hat mitgezählt. Bei einem kurzen Spaziergang in seiner Straße in Berlin stieß er auf 27 Haufen. Ein Volk, das den Umweltschutz erfunden hat und jede Chemikalie aus Lebensmitteln verbannen möchte, duldet es, dass seine Kinder durch Scheiße waten müssen, um nach Hause zu gelangen. Die Arbeitszeit. Europäer arbeiten im Schnitt 15 Prozent weniger als Amerikaner. Die Amerikaner haben 16 Tage Urlaub im Jahr, nehmen aber nur 14. Die Italiener dagegen haben 42 Tage frei, die Franzosen 37, die Deutschen 35. Das Bildungssystem. Europa denkt über das Undenkbare nach – Studiengebühren, stand unlängst süffisant über einem Zeitungsartikel. Zwar kämen in Deutschland auf einen Professor heute 80 bis 90 Studenten, doch kostenlos solle das „ausufernde, chaotische System“ sein. Die Opferrolle. Mehr als ein Drittel der Deutschen, heißt es in der „Washington Post“, betrachten sich inzwischen als Opfer des Zweiten Weltkrieges. Stichworte Dresden, Vertreibung. „Wie ich persönlich bestätigen kann“, schreibt die Autorin, „gibt es deutsche Politiker, die andere Gäste beim Abendessen niederschreien, wenn ihr Recht auf die Opferrolle in Frage gestellt wird."

Wer weiß nun besser Bescheid: Wir über sie oder die über uns? Vielleicht wär’ ja Frieden auf der Welt, wenn es uns Auslandskorrepondenten gar nicht gäbe.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben