Medien : Medienrepublik (116)

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Malte Lehming über

den Ossi im Ami

Der Amerikaner glaubt an das Gute und den lieben Gott. Er ist Optimist. In den USA ist die Geburtenrate doppelt so hoch wie in Europa. Achtzig Prozent bezeichnen sich als religiös. Und als jüngst der erste Fall von Rinderwahnsinn bekannt wurde, warnten die großen Medien sofort vor Überreaktionen. An der EliteUniversität Harvard gibt es ein „Center for Risk Analysis“. Dort kam man zu dem Ergebnis, dass die Menschen keine Angst haben müssen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich infizieren, sei minimal. Seit der ersten Aufregung ist es ruhig an der Mad- Cow-Front, der Rindfleischverkauf blieb konstant. Elite-Universitäten haben ihren Wert.

Trotzdem: Auch der Amerikaner könnte viel, viel glücklicher sein. Wären da nicht der Neid und die Neigung zur Hypochondrie. Wiederum in Harvard sollten Studenten eine Frage beantworten: Was ist Ihnen lieber: a) 50 000 Dollar im Jahr zu verdienen, während Ihre Kollegen die Hälfte haben, oder b) 100 000 Dollar, während Ihre Kollegen das Doppelte bekommen? Die Mehrheit entschied sich für a. Man könnte dieses Phänomen die Ossifizierung des Amerikaners nennen. Auch den DDR-Bürgern ging es nach der Vereinigung ja besser. Aber weil sie sich nicht mehr mit Polen, Ukrainern und Rumänen verglichen, sondern mit ihren Schwestern und Brüdern im Westen, litten sie Höllenqualen.

Ein neues Buch des amerikanischen Autors und Journalisten Gregg Easterbrook untersucht nun die Frage, warum Wohlstand und Glück herzlich wenig miteinander zu tun haben. Es heißt „The Progress Paradox: How Life Gets Better While People Feel Worse“. Unaufhörlich steigt in den USA die Lebenserwartung, der Durchschnittshaushalt verfügt über das Doppelte an Kaufkraft wie vor 40 Jahren, die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle nimmt ebenso ab wie die der Kapitalverbrechen, die Umwelt wird sauberer. Ist das nicht schön? Nein, das ist nicht schön. Mit sich und der Welt sind viele Amerikaner heute weniger zufrieden als früher. Woran liegt das?

Easterbrook gibt Antworten: die Fixierung der Medien auf das Negative, die Kultivierung der Opferrolle in der Gesellschaft, die Tyrannei des Überangebots – ich kann mir zwar immer mehr leisten, aber es gibt immer mehr, was ich mir nicht leisten kann –, die Tyrannei der technologischen Aktualität – Handy, CD-Spieler, Computer: All das muss in immer kürzerer Zeit neu angeschafft werden, um modern zu sein. Der Wohlstand frisst die Seelen seiner Kinder.

Wiederum aus Harvard allerdings schöpft der Amerikaner neuen Mut. Die Studenten sollten eine zweite Frage beantworten. Was ist Ihnen lieber: a) zwei Wochen Urlaub, während Ihre Kollegen nur eine bekommen, oder b) vier Wochen Urlaub, die Kollegen haben acht? Diesmal votierte eine klare Mehrheit für b. Der Neid ist schwächer als die Genussfreude. Das Glücksmotto scheint einfach: Bevor ich meinen Rivalen etwas Schlechtes wünsche, tue ich mir selbst etwas Gutes.

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