Medien : Medienrepublik (118)

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Malte Lehming verfolgt die Castingshow „Amerika sucht den Superstar“

Die Kandidaten müssen Pfannkuchen braten, durch Kuhmist waten, sich von kalter Pizza ernähren, bei minus 32 Grad eine Rede halten, sich durch eine Horde verschniefter Anhänger drängen, sie dürfen wochenlang nicht länger als vier Stunden pro Nacht schlafen, müssen aber den Rest des Tages tipptopp aussehen und hellwach wirken. Willkommen bei „Amerika sucht den Superstar", in diesem Fall den demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Die Castingshow hat vor zwölf Tagen in Iowa begonnen und erlebt ihr Finale Ende Juli beim Nominierungsparteitag in Boston. Es ist eine archaische, gnadenlose, urdemokratische Prozedur.

Exzessiv wird die Biographie jedes Kandidaten beleuchtet: Frühere Kollegen, Mitschüler, Lehrer, Kommilitonen, Professoren, Geliebte, Freunde und Feinde werden befragt, um alle Charakterdetails ans Licht zu zerren. Jeder Aspirant hat Spione ausgesandt, die seine Rivalen auf Schritt und Tritt begleiten. Alle Versprecher, Ausrutscher oder Patzer werden registriert. Die Medien verstärken die Effekte, ins Positive wie ins Negative. Gleichzeitig sind sie selbst der Stoff für Geschichten. Wer ist wie nah dran? Wer bekommt von wem ein Interview? Wer darf im Bus des Favoriten mitfahren, wer muss den Fünftplatzierten begleiten? Große Zeitungen wie die „Washington Post" schicken daher, zusätzlich zu ihren politischen Korrespondenten, einen Medienreporter mit auf Wahlkampftournee. Der gräbt dann hübsche Dinge aus, wie zum Beispiel die InternetSeite „DeanGoesNuts.com", auf der man den legendären Schrei von Ex-Favorit Howard Dean in Dutzenden von Remix-Versionen anhören kann.

Personen statt Programme, Image statt Inhalte – man kann das, wie üblich, als Verflachung brandmarken. Man kann sich aber auch an einen klugen Gedanken von Wolfgang Pohrt erinnern, notiert vor über 20 Jahren: „Weil in freiheitsliebenden Ländern ein Gespür für das Fadenscheinige und Zufällige, für die Willkür demokratischer Wahlen besteht, wird dort das Spektakel auch als Spektakel inszeniert und genossen. (...) In solcher Gelassenheit spiegelt sich ein Selbstvertrauen der Bevölkerung in die eigene politische Macht, welches sich auf gewisse historische Tatsachen stützen kann: Man hat den König geköpft, die Nationalgarde entwaffnet, den Klerus entmachtet, den Adel verjagt, man ist bisher noch über kurz oder lang mit jeder Regierung fertig geworden, man hat also keine, schon gar keine selbst gewählte zu fürchten."

Deutschland hat eine andere Geschichte. Deshalb wird dort jeder Anschein von Politik – möge er aus Ruck-Reden, Hartz- und Rürup-Kommissionen bestehen – ernst genommen. Die Entscheidung fällt schwer: Dramatik, aber Verflachung, oder Seriosität, aber Langeweile? Drücken Sie bitte jetzt auf das Knöpfchen.

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