Medien : Medienrepublik (120)

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Ulrike Simon über die Konkurrenz zwischen Hamburg und Berlin

– und einen Kanzler auf Asylsuche

In Hamburg werden Zugereiste erst in der dritten Generation als echte Hamburger akzeptiert. Es sei denn, den Quiddje – so nennen Hamburger Zugereiste – zieht es nach einigen Jahren weiter nach Berlin. Selbst nach mehr als fünf Jahren fragen ihn die Hamburger noch mitleidig, ob er sich denn in diesem schmuddeligen Berlin bereits eingelebt habe. Hamburger Medienleute sagen außerdem, Berlin würde sich doch nur einbilden, eine Medienstadt zu sein; die wahre sei Hamburg. So war das auch am Freitagabend bei der ersten „Nacht der Medien“ auf dem Blankeneser Süllberg – veranstaltet vom Allgemeinen Hamburger Presseclub, und besucht von vielen Medienmenschen, die es in den vergangenen Jahren glücklich nach Berlin verschlagen hat. Die „Nacht der Medien“ versteht sich als Gegenveranstaltung zum Hamburger Presseball. Ihr Presseball würde nämlich von Jahr zu Jahr schlechter, geben die Hamburger zu. Da würden alle möglichen Menschen hingehen, bloß keine Journalisten. Man kennt die Klagen vom Berliner Presseball – die beiden Städte haben mehr gemein als sie glauben. Trotzdem wurde nicht versäumt, Spitzen gegen Berlin abzufeuern. Klaus Ebert, Vorstand vom Allgemeinen Hamburger Presseclub, brüstete sich, diese Veranstaltung hier auf dem Süllberg sei etwas Richtiges und keine dieser „Häppchen- Events“ wie in Berlin. Wie gesagt, viele Gäste kamen aus Berlin, der Chef vom Süllberg ist übrigens Karlheinz Schuster, früher Küchenchef vom Adlon.

Aber die „Nacht der Medien“ stand auch im Zeichen des Hamburger Wahlkampfs. Wenn SPD-Kandidat Thomas Mirow kommt, dann an der Seite von Kanzler Schröder, mit dem er tagsüber in Hamburg Wahlkampf gemacht hatte, hieß es. Sie kamen beide nicht. Anders als CDU-Bürgermeister Ole von Beust, der von „Stern“-Chef Thomas Osterkorn, vor allem aber von Duzfreund und „Bild“-Chef Kai Diekmann herzlich begrüßt wurde. Vielleicht kam der Medienkanzler ja nicht zur „Nacht der Medien“, weil er keine Lust hatte, den Chefs gerade jener Titel zu begegnen, mit denen er zurzeit im Clinch liegt. Mit „Bild“ will er ja bekanntlich nicht mehr reden, und vom „Stern“ nicht mehr als „dead Gerd walking“ bezeichnen lassen. Vertreter beider Titel hat er kürzlich, angeblich aus Platzmangel, von Journalistenreisen ausgeladen.

Am Donnerstag hatte der Kanzler noch in der Berliner „Bar der Vernunft“ das Ende März erscheinende politische Debattenmagazin „Cicero“ des Schweizer Verlegers Michael Ringier gefeiert. Nachdem es sich der Kanzler mit Hamburger und Berliner Journalisten verscherzt hat, glaubt er wohl bei Schweizern auf neutralem Boden zu sein. In einer Nullnummer von „Cicero“ gibt es ein Porträt von Redenschreiber Reinhard Hesse und üppige Fotos des Kanzlers. Nicht in Brioni, wie damals für „Gala“, dafür aber in großer, Macht demonstrierender Pose.

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