Medien : Medienrepublik (121)

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Norbert Thomma über eine Dummheit der „Tagesschau“

Am siebten Tag soll der Mensch nicht nur ruhen, er soll auch mal lachen. Schlimm genug, dass am Abend zuvor der Lieblingsverein verloren hat. Schlimm genug, was die Bundesagentur in Nürnberg so treibt und was in Haiti los ist. Deshalb gilt für unsere Medienrepublik die Regel: Lustigkeitskoeffizient 9:1, also neun Mal bitte Heiterkeit und ein Mal Kulturpessimismus.

Heute ist der Tag des Kulturpessimismus, leider.

Es geht um einen 18-jährigen, der nicht singen kann. Es geht um einen 18-jährigen, der Angst vor Kakerlaken hat. Es geht um einen 18-jährigen, der ohne Führerschein in einen Gurkenlaster fuhr.

Na und? Es gibt jede Menge 18-jährige, die statt eines Führerscheins Phobien haben und schlecht bei Stimme sind. Nur ist dieser eine, dieser Daniel K., das Frankensteinsche Monster aus dem Labor eines Fernsehsenders und „Bild“. Es ist eine Beziehung zum gegenseitigen Nutzen. Der pickelige Phobiker wird berühmt und verdient daran, die anderen machen Auflage und Quote und verdienen daran.

Wäre alles nicht schlimm. Nicht so ekelig jedenfalls wie die „Bild“-Kampagne gegen Sibel Kekilli. Was dann doch sehr gewundert hat vergangene Woche, war die „Tagesschau“ der ARD. Es war einmal eine Nachrichtensendung mit dem Kriterium: Relevanz. Was in der Tagesschau kam, war wichtig. Die „Tagesschau“ hätte früher nie gemeldet, dass Franz Beckenbauer ein außereheliches Kind gezeugt hat. Aber jetzt kam tatsächlich in der „Tagesschau“ die Meldung, Foto inklusive, Daniel K. sei mit einem Auto verunglückt. Das darf einen dann doch mal fassungslos machen, ja?

Und vielleicht kann man dabei daran erinnern, dass in diesem Jahr das Privatfernsehen seinen 20. Geburtstag feiert. Und das kleine Beispiel zeigt, wie das Privatfernsehen unsere Republik verändert hat, die Zeitungen, die öffentlich-rechtlichen Sender. Dass der Nachrichtenkanal N 24 live zur Pressekonferenz in das Krankenhaus schaltet, in dem Daniel K. eingeliefert war – das wiederum ist nur der ganz normale Wahnsinn. Wie auch das, was die „SZ“ am Samstag schrieb: Die Gläser des Unfall-Lasters werden als „Crash-Gurken“ im Internet für 25 Euro angeboten. Mahlzeit!

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