Medien : Medienrepublik (122)

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Matthias Kalle vermisst die Noppensocken von Guido Westerwelle

In der vergangenen Woche blieb einem aber auch nichts erspart, und deshalb muss man ja höllisch aufpassen: Darauf, dass man nicht so ein Wicht wird, der alles dumm und blöd und langweilig findet oder, noch schlimmer, der mahnt und geißelt und hasst, und irgendwann kommt dann der Selbsthass und das ist nicht gut. Aber wie kommt man da drum herum? Wie schafft man es, dass man mal lobt und demütig auf die Leistungen der anderen zeigt ohne dabei ein Jubelperser zu werden? Also einer, der alles supi findet, weil es erstens gegen den Trend geht und weil es, zweitens, doch viel einfacher zu sein scheint, das Wahre, Gute, Schöne zu identifizieren? Mal probieren – außerdem ist das Draufhauen ja ähnlich einfach, wie das Schockieren, und Schockieren tut ja heutzutage fast jeder.

Also dann: Der Text, den Frank Schirrmacher am Donnerstag in der „FAZ“ geschrieben hat, ist schlichtweg großartig. Warum? Es ging in dem Text um das Treffen von Angela Merkel, Edmund Stoiber und Guido Westerwelle in dessen Wohnung im Berliner Stadtteil Charlottenburg. Dort saßen die Drei und redeten darüber, wer denn nun ein geeigneter Präsidentschaftskandidat sein könnte. Sie saßen also in der Wohnung eines Politikers, in der quasi jeder schon einmal war, schließlich lud Westerwelle bereits den „Spiegel“ und die „Bunte“ zu sich nach Hause ein. Seitdem weiß der Leser, dass der FDPChef ein rotes Sofa, einen Corbusier-Sessel, einen Bang & Olufsen-Fernseher und diverse Bilder des Malers Norbert Bisky sein Eigen nennt. Außerdem schlüpft Westerwelle, wenn er nach Hause kommt, in bequeme Noppensocken und man hätte gerne erfahren ob Merkel und Stoiber vor dem Betreten der Wohnung ihre Schuhe ausziehen mussten, um den Bodenbelag nicht zu strapazieren. Wieso hat Westerwelle das niemandem erzählt? Ist doch auch irgendwie intim?

Schirrmachers Text hingegen ist moralisch, so moralisch, dass man sich ein bisschen dafür schämt, was man über Westerwelle alles weiß. Wenig allerdings weiß man über Horst Köhler, sogar die „Bild“-Zeitung fragte am Freitag „Horst wer?“, dabei weiß „Bild“ doch sonst immer alles. Zum Beispiel über die „Big-Brother“-Kandidaten. Die wissen sogar so viel, dass sie am Donnerstag titelten: „Noch mehr Kandidaten!“ In der Auswahl standen Kermit der Frosch, Charlie Brown von den Peanuts und Ernie und Bert aus der Sesamstraße. Aber die wurden nicht für „Big Brother“ vorgeschlagen, sondern für das Amt des Bundespräsidenten.

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