Medien : Medienrepublik (127)

-

Malte lehming über die neueste Show aus den USA: das Duell mit dem Skalpell

Rachel und Kelly sind pudelhässlich. Kelly hat schiefe Zähne, Pickel im Gesicht, Himmelfahrtsnase, abgeknabberte Fingernägel und Übergewicht. Rachel sieht nur wenig besser aus. Beide Frauen sind Mitte 20 und leiden unter ihrem Aussehen. Kelly weint oft. Sie ist unsicher. Selbst zu normalen Sätzen laufen ihr Tränen über die Wangen. Weil sie herauswill aus ihrem „Kokon, damit der Schmetterling in ihr frei wird“, wie es ihre Mutter ausdrückt, hat sie sich als Freiwillige für eine neue RealityTV-Show gemeldet, die am vergangenen Mittwoch auf „Fox“ Premiere hatte. Sie heißt „The Swan“, der Schwan. Darin treten 17 ähnlich hässliche Frauen gegeneinander an. Drei Monate lang liefern sie sich den unbegrenzten Möglichkeiten der modernen Medizin aus. Das Duell der Skalpelle hat begonnen.

Jede Frau wird von einem Team betreut, das aus Schönheitschirurgen, Zahnärzten, Kosmetikern, Psychologen und Trainern besteht. Nach Herzenslust wird geschnitten, geliftet, implantiert, abgesogen, ausgestopft, weggelasert. Die Kamera hält jeden Schritt fest. „We will give her a killer body“ – wir geben ihr ein mörderisch gutes Aussehen –, sagt einer der Chirurgen lachend, bevor er das Skalpell ansetzt. Rachel seufzt erleichtert: „Endlich werde ich eine neue Person sein.“ Damit die Frauen selbstbewusster auftreten, werden sie von einem Psychologen gecoacht. Sie lernen, offen zu lachen, die Schultern nicht hängen zu lassen, an sich zu glauben. Während des gesamten Crash-Kurses dürfen sich die Frauen nicht im Spiegel betrachten. Das ist erst beim Finale erlaubt. Dann sehen sie auch das erste Mal ihren Lebenspartner wieder. Wieder fließen die Tränen in Strömen, diesmal vor Freude, Stolz und Glück. „Ich bin schön, ich bin schön“, stammelt Kelly pausenlos vor sich hin. Den direkten Vergleich der beiden frisch gebackenen Beauties gewinnt allerdings Rachel. Sie hat mehr Fett abgenommen und zieht nun in die nächste Runde ein.

„The Swan“ ist der vorläufige Höhepunkt einer Reihe ähnlicher Serien rund um den Schönheitskult. Die harmlosere Variante, „Extreme Makeover“, läuft bereits seit vergangenem Jahr auf ABC. Darin steht die persönliche Geschichte der veränderungswilligen Frauen im Vordergrund. Auf MTV dagegen geht’s ebenfalls schnittig zur Sache. In „I want a famous face“ wird etwa ein junger Mann gezeigt, der dringend eine Nase wie Brad Pitt braucht und sich entsprechend operieren lässt, oder eine Frau, die sich Brustimplantate einsetzen lässt, um wie Julia Roberts in „Erin Brockovich“ auszusehen. Der Schönheitschirurgenindustrie in den USA tut der TV-Serienboom um ihr Gewerbe gut. Die Zahl der Patienten stieg im Jahr 2003 auf 8,7 Millionen, das sind 32 Prozent mehr als im Vorjahr. Nur hinter den Kulissen ringt das Gewerbe mit ethischen Fragen. Werden durch solche Sendungen falsche Hoffnungen geweckt? Wird das Leiden vieler Menschen, das sie wegen ihres Äußeren empfinden, schamlos ausgenutzt?

Warum sehen sich Zuschauer diese Mischungen aus Frankenstein und Schönheitsfarm an? Die erste Folge von „The Swan“ hatte 15 Millionen Zuschauer. Medienkritiker erklären das mit der „car crash fascination“: Es ist erschreckend und widerlich, zieht uns aber magisch an. Wir sind entsetzt, können aber die Augen nicht schließen. Auf den Kabelsendern „Bravo“ und „E!“ sind schon weitere Reality-Shows rund um die Schönheitschirurgie geplant. Und in der vergangenen Woche kündigte der Sender „Showtime“ an, er werde demnächst zwei Dokumentationen zeigen. Der Obertitel heißt „The Opposite Sex“. In der ersten Folge, sie läuft am 3. Mai, lässt sich eine Frau chirurgisch in einen Mann verwandeln. In der zweiten geht’s andersherum. Der Wahnsinn kennt keine Grenzen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben