Medien : Medienrepublik (128)

Norbert Thomma

über das verfloskeltste Editorial der westlichen Welt – vom

ehemaligen Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“

Also wirklich, dieser Mann sieht zufrieden aus. Haupthaar und Bart sind sorgfältig getrimmt, der Mund charmiert, die Stirne glänzt, die fleischige Rechte hält den Lesern ein Glas Rotwein entgegen. Ja zum Wohlsein, Herr Chefredakteur!

Wir sehen Dr. Jochen Siemens, der soeben sein erstes Editorial für die Zeitschrift „Alles über Wein“ geschrieben hat; im früheren Leben leitete er die „Frankfurter Rundschau“. Eine Tageszeitung hat kein Editorial. Das war gut für die „FR“ und gut für Herrn Siemens. Nun aber sitzt er einem Magazin vor, und da gilt eben mal die eiserne Regel: Im Anfang steht das Wort des Chefs; er präludiert. Es gibt dafür formulierungsmächtige Beispiele. Henri Nannen schwang im „Stern“ die Keule, Michael Jürgs zündete in „Tempo“ mit einem einzigen Editorial kilometerlange Lichterketten an. Meistens jedoch nimmt der Chefredakteur seine Leser so gut er kann an der Hand und führt sie ein wenig durchs Heft, hierhin haben wir einen tollen Fotografen geschickt, dorthin einen prima Autor – ein bisschen Eigenlob darf sein.

Doch nie ist es gelungen, im Editorial einen eigenen, unverwechselbaren Stil zu entwickeln. Das hat sich geändert. Es gibt jetzt Dr. Jochen Siemens. Man könnte seinen Stil den Von-Bis-Stil nennen, oder besser: globalen Von-Bis-Stil. Denn sein Editorial reicht „von Chile bis Californien, von Argentinien bis Australien, von Südafrika bis Slowenien“, weil merke: Mit Aligoté alliteriert sich’s besser. Und weiter schreibt der Chef: „Auch dieses Heft bringt Ihnen wieder alles über Wein ins Haus“, was einen ehrlich verblüfft, von einer Zeitschrift mit dem Namen „Alles über Wein“ hätte man das nicht erwartet.

Bis dahin hat Dr. Jochen Siemens schon die „globale Weingemeinde“ entdeckt und auch den „globalen Weinbau“, er hat das Interesse am Wein als „weltumspannend“ ausgemacht und das „weltweite Vollsortiment“ rsp. die „weltumspannende Dimension des Weinangebots“, er bietet schließlich ein „weltumspannendes Themenangebot“. Sein Weg führte „vom Volontär bis zum Chefredakteur“, und deshalb führt das Heft „von den argentinischen Reben am Fuß der Anden bis zu den heimischen Weingärten Badens oder an der Ahr. Von der Champagne bis ins Piemont“. Und spätestens hier macht von Feuerland bis zum Nordkap jeder ein Bäuerchen, der sich nicht nur für deutschen Riesling, sondern auch für die deutsche Sprache interessiert. Oder wundert sich jemand, dass der Editorialist versucht „auch nach den Trauben zu greifen, die noch ein Stück weit höher hängen“?

Da nimmt man ein Gläschen Liebfrauenmilch und hebt es auf Dr. Jochen Siemens: Ein Prosit der Bemühtlichkeit!

P.S.: Achtung, Achtung, ein wichtiger Hinweis für alle Autoren von Editorials: Im Bemühen, jugendfrisch zu wirken, drucken Sie gerne jahrzehntelang dasselbe Foto. Das ist verständlich, es schmeichelt. Sie dürfen dann aber nicht böse sein, wenn wir Sie bei einer Begegnung für Ihren Vater oder Ihre Mutter halten, ja?

P.P.S: Ein Schweizer Chefredaktor grüßt aus seinem Editorial „in bestem (W)einvernehmen“. Es ist zum Wein(en).

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