• Medienrepublik (14): Harald Martenstein versucht mit Hilfe von Sabine Christiansen einen Ausblick auf 2002

Medien : Medienrepublik (14): Harald Martenstein versucht mit Hilfe von Sabine Christiansen einen Ausblick auf 2002

Es wird ein hochspannendes Jahr werden

Gegen Ende des Jahres 01 ist, im Zeichen der "Pisa"-Studie, Bildung wieder angesagt gewesen. Bildung ist angesagt - ein herrlich blöder Satz. Zu dem Themenkomplex Bildung & schöne Nonsenssätze hat das "Medium-Magazin" eine kleine Studie durchgeführt, mit Beispielen. Der Kolumnist und Gottvater von allem möglichen, Franz Josef Wagner, hat zum Beispiel in seinem George-Harrison-Nachruf dem Dichter Hermann Hesse ein Buch namens "Zitarda" zugeschrieben. "Zitarda" von Hermann Hesse. Die anderen berühmten Hesse-Bücher heißen "Nazis mit Goldschlund" und "Treppengolf". Von Claudius Seidl, Frankfurter Allgemeine, stammt die Formulierung: "Das eigentlich Schlimme an der hedonistischen Askese-Ästhetik ist die angestrengte Entspanntheit. Nicht Coolness, die im Sinne Castigliones als sprezzatura geadelt wäre."

Über die hedonistische Askese-Ästhetik der 15- bis 50-Jährigen gibt vermutlich die Bestsellerliste des Internet-Buchhändlers "Amazon" eine einigermaßen korrekte Auskunft. Die Top 50 sieht zurzeit so aus: Auf den ersten zehn Plätzen finden sich fünf verschiedene Bände oder Ausgaben von "Herr der Ringe", drei Harry-Potter-Bücher, der neue Krimi von Henning Mankell sowie das Werk "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken". Von den 50 größten Hits gehören zwölf, jawohl, zwölf in die Kiste "Herr der Ringe, Hobbits und was alles dazugehört", neun Bestseller sind Harry-Potter-Bände oder Harry-Potter-Begleitliteratur. Sechs Bestseller gehören in die Kategorie Sex, solche Bücher heißen zum Beispiel "Sextechniken, die ihn verrückt machen" oder "So macht Mann brave Mädchen wild". Ferner laufen: vier Mal Mankell, fünf Ratgeber, meistens zum Thema Geld oder Kinder, zwei Biographien (Marlene Dietrich, die Manns), zwei Mal Fantasy, zwei Krimis, ein historischer Roman, je ein Buch von Stephen King (Horror), Stephen Hawking (Wissenschaft, populär), Ildiko von Kürthy (Frauenbuch), Florian Illies (Zeitgeistsachbuch), Benjamin von Stuckrad-Barre (Reportagen) und Sven Regener (Kreuzberg-Roman). Der 11. September steht in der Hitparade nur auf Platz 44, und zwar in Form eines opulenten Bildbandes der "Magnum"-Fotografen für 69 Mark 30. Den kann man sicher gut auf den Wohnzimmertisch legen und Besucher damit beeindrucken.

Warum erzähle ich das? Und ausgerechnet zum Jahreswechsel? Weil die Welt sich halt doch weniger schnell ändert, als es in der Zeitung steht. Sex, Geld, Verbrechen und Fantasy - die Interessenschwerpunkte der Bevölkerung sind auch 2001 ziemlich stabil geblieben. Es muss sich offenbar bedeutend mehr ereignen als ein Terrorangriff auf New York, damit der Durchschnittsmann den "Heidi Klum Kalender" (Platz 27) nicht mehr interessant findet.

Einerseits regt man sich furchtbar schnell auf, schrieb schon Hesse im "Zitarda". Andererseits regt man sich auch schnell wieder ab. Deswegen hat unsereins bei der Lektüre der Jahresrückblicke und der Vorausschauen ein mulmiges Gefühl, wenn die Autoren sich im Schweiße ihres Angesichts einen Paradigmenwechsel nach dem anderen zurechtbasteln und bis zum Umfallen auf die Rückkehr der Werte anstoßen. Ob die Werte 2002 wirklich zurückkehren, weiß man ja nicht, nur der "Heidi Klum Kalender 2003" steht fest. Die ehrlichsten Vorausschauen auf 2002 finden sich im "Medium Magazin", wo sie berühmte Journalisten gebeten haben, ihre Erwartungen zu formulieren.

" Es wird ein hochspannendes Jahr werden ." (Sabine Christiansen)

" Ich erwarte, dass nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen ." (Dieter Eckart, Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen").

" Das Jahr 2002 wird viel attraktiven Sport bringen ." (Markus Schächter, Programmdirektor des ZDF).

" Der wirtschaftliche Trend wird sich vermutlich fortsetzen ." (Peter Lewandowski, Chefredakteur von "Gala")

" Was ich erwarte? Viele Worte ." (Silke Lambeck, Theodor-Wolff-Preisträgerin)

Diese Leute blicken durch. Castiglione hätte gesagt: "Solche Coolness adele ich als sprezzatura."

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