Medien : Medienrepublik (16): Harald Marensein über die T-Frage

Wo ist Gott? So lautet in etwa das Thema dieser Kolumne.

Vor ziemlich genau einem Jahr, am 10. Januar 2001, erschien in der "Zeit" ein Artikel über den "Stern". Dieser Artikel hat Sprachgeschichte geschrieben. Eigentlich war es ein Routinetext. Der "Stern" hatte damals, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal, bei der CSU einen Spendenskandal entdeckt. Der "Stern" entdeckt bei der CSU ja an nahezu jedem Donnerstag Mafiaskandale, bei näherem Hinsehen sind es meistens keine, leider, wie man aus Berliner Sicht sagen muss. In diesem "Zeit"-Artikel über den "Stern" also verwendete der Autor Matthias Krupa zum wahrscheinlich ersten Mal das Wort "K-Frage". Der Zusammenhang lautete so:

"Stoiber im Sumpf? Die K-Frage entschieden? Von wegen! Stoiber marschiert in diesen Tagen entschlossener denn je in Richtung Kanzlerkandidatur. Dafür sitzt nun der stern auf der Anklagebank."

Glückwunsch an Matthias Krupa. Mit solchen Worten aber ist es wie mit uns Menschen, sie werden durch intensive Beanspruchung nicht schöner. Und auf allen Erfindungen mit K lastet ohnehin seit jeher ein rätselhafter Fluch. Die Kernspaltung führte zur Atombombe, das FCKW zum Ozonloch, der Kommunismus hat Georg Gafron hervorgebracht. Die K-Frage von Herrn Krupa aber wurde zum Lieblingswort der Wichtigtuer, eine nervtötende Formel, die man hinschreibt, weil man Kompetenz simulieren und einem etwas wirklich Originelles partout nicht einfallen möchte. Wer heute noch das Wort K-Frage verwendet, dem möge das Kleinhirn verdorren. Aber unsereins hat ja nicht die Macht, sowas durchzusetzen.

Es verging genau ein Jahr und ein Tag. Gott überlegte, wie er die deutschen Journalisten strafen könnte.

Genau ein Jahr und einen Tag nach der ersten Verwendung des Wortes K-Frage, am 11. Januar 2002, erschien in der "Süddeutschen" ein Artikel über den "Stern". Der "Stern" hatte bei der CSU, wie immer, einen Skandal entdeckt, außerdem ist seine Auflage minimal gesunken, von 1,1 Millionen auf 1,086 Millionen Exemplare. Der Autor Hans Leyendecker schrieb: "Erstmals hat der Spiegel, der Ortsrivale von der 600 Meter entfernten Brandswiete, in einer Quartalsbilanz den Stern überholt."

Dazu muss man dreierlei wissen. Erstens: Hans Leyendecker ist eine journalistisch-moralische Instanz, ziemlich berühmt, sehr streng, sehr genau. Zweitens: Leyendecker war "Spiegel"-Redakteur. Drittens: Der "Spiegel" wohnt gar nicht in der Brandswiete, seine Adresse heißt "Brandstwiete 19".

Nur ein kleines t. Aber in Anbetracht der Umstände - der magische Termin 11. Januar, das magische Thema "Stern", der über Irrtümer normalerweise erhabene Autor - kann es sich nur um höhere Gewalt gehandelt haben. Gott nimmt den Journalisten zur Strafe für die blöde K-Frage ihr kleines t weg. Alle müssen büßen, auch der Kanzlerkandidat Soiber und der "Sern". Wenn das jetzt auch nichts hilft, steigt ein Erzengel herab und lässt die Kleinhirne verdorren.

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