Medien : Medienrepublik (32)

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Harald Martenstein über

Nazivorwürfe und Udo Lindenberg

Ein Artikel in der „Süddeutschen“, vor ein paar Tagen: Israelische Soldaten hätten eine Gruppe Palästinenser – keine überführten Terroristen, sondern Verdächtige – gefesselt, auf den Boden gelegt und mit Panzern überfahren. Das sind keine Nazimethoden. Das ist ganz normaler Mord.

Aus allen Ecken wird zurzeit mit Nazivorwürfen gefuchtelt. Ein arabischstämmiger Politiker aus Deutschland wirft Israel Nazimethoden vor.

Wolfgang Schäuble wirft der SPD Nazimethoden vor. Wenn man sich in einem amerikanischen Restaurant eine Zigarette anzündet, wird einem vorgeworfen, dass man ein Nazi sei, denn man wolle die anderen Gäste vergasen. Das ist wirklich passiert.

Fassen wir zusammen: Sozialdemokraten sind wie Nazis. Israelis sind wie Nazis. Raucher sind wie Nazis. Wolfgang Schäuble - ach, Schäuble ist eh ein Nazi.

Der Nazivorwurf ist zum Kleingeld in der politischen Tagesauseinandersetzung geworden, nicht nur in Deutschland, weltweit. Das kann man ärgerlich finden. Aber man kann es nicht rückgängig machen. Denn man hat sich fast schon daran gewöhnt. Nur noch, wenn jemand Israel Nazimethoden vorwirft, zuckt die Öffentlichkeit zusammen. Wieso eigentlich? Was heißt schon „Nazimethoden“, wenn bereits das Rauchen eine Nazimethode ist? Das hat auch sein Gutes. Hitler und seine Leute werden zum Synonym nicht nur für das Böse, sondern für das Unangenehme schlechthin, für alles, was man ablehnt. Hitler lebt nicht als mythischer Superschurke weiter, als einer, dessen n man kaum auszusprechen wagt, sondern als das kleine Arschloch von nebenan. Er hat nicht einmal als Verbrecher eine glänzende Karriere gemacht.

Etwas Erfreuliches: das Spiel „Counterstrike“ wird nicht verboten. Wenn es, jenseits der aktuellen Hysterie, einen Beweis dafür gäbe, dass irgendein Verbot eine Wiederholung des Massakers von Erfurt verhindern könnte, wäre man selbstverständlich dafür. Aber diesen Beweis gibt es eben nicht. Und wenn der Täter einfach nur einer dieser Massenmörder ist, wie sie in der Geschichte nun mal regelmäßig auftauchen, wie Jack the Ripper, wie Haarmann, wie Hitler? Ja, was dann? Dann wäre wieder einmal viel edler Leitartikler-, Pädagogen- und Feuilletonistenschweiß vergeblich geflossen.

Die Lieblingsschlagzeile dieser Woche aber stammt aus dem „Kölner Stadtanzeiger“, Seite drei, vom Donnerstag. Sie lautet: „Udo Lindenberg soll die Erinnerung an Hitler verdrängen". Toi, toi, toi, Udo!

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