Medien : Medienrepublik (36)

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Norbert Thomma geht gegen Stoibers Kompetenzteam vor und wundert sich über die langsame dpa

Diese Kolumne ist eine Kompetenzkolumne. Was sie von früheren Kolumnen an dieser Stelle unterscheidet? Nichts. Wichtig ist nur die große Geste. In der Politik funktioniert so etwas ja auch. Edmund Stoiber sucht sich ein paar Leute aus und nennt sie Kompetenzteam. Damit kommt er prima in die Nachrichten. Und damit er oft in die Nachrichten kommt, präsentiert er alle schön einzeln nacheinander. Späth, Merz, Schavan… – diese Woche war Schäuble dran. Die Resonanz der Medien war so, als handele es sich um einen Staatsbesuch von Tony Blair, mindestens. Im „heute journal“ fand Wolf von Lojewski einen fanatischen Gefallen an dem Wort Kompetenzteam, endlos wiederholte er das Kompetenzteam.

Nun ist das ja nicht so neu, was der Kandidat Stoiber da tut. Im britischen Parlament stellt die Opposition seit etwa 1870 der Regierung eine eigene Mannschaft gegenüber, sie nannten es „shadow cabinet“, Schattenkabinett. Der Begriff war auch in Deutschland schon mal gebräuchlich; es war die Zeit, als es noch keine Handys gab. Schon 1961 berief Willy Brandt eine „Regierungsmannschaft“, Rainer Barzel tat es ihm 1972 nach. Es ist nichts weiter als eine Pose der Opposition: Seht her, wir haben die Leute, um die Regierung abzulösen.

Irgendetwas scheint die Union am guten alten Schattenkabinett zu stören. Nur, was? Die Beratungsstelle der „Gesellschaft für deutsche Sprache e.V.“ kann da nur mutmaßen: Die Schattenwirtschaft bezeichne ja ein eher kriminelles Milieu, im Schattenreich geisterten die Untoten uswusf.

Kompetenzteam dagegen, das tönt modern, dynamisch, da sieht man im Geiste einen MTV-Moderator mit gegelten Haaren im Cabriolet durchs Internet röhren, da sieht man irrsinnig kreative Werber bei der Präsentations-Performance: „Herr Stoiber, wir haben da eine frische Ansprache entwickelt…“ So kam das Kompetenzteam auf die Welt, und es wird ein langes Leben haben. Oder soll man darauf hoffen, dass Journalisten diesen Blödsinn nicht mitmachen? Viel wahrscheinlicher ist, dass die Union und andere Parteien im Wahlkampf nachlegen. Deshalb werden hier schon mal für folgende Begriffe (in allen Schreibweisen) urheberrechtliche Ansprüche geltend gemacht:

Future-Combo

Entscheider-Ensemble

Auguren-Stab

Innovations-Unit

Reformstau-Absorber

Fortschritt-Players

All-Star-Gov (abgeleitet von Government)

Deutschland-Power

Die No-Schröders (Zielgruppe: Kids)

Der Schuh der CDU (für Comedyfans)

Macher-Group

Republic-Manager

Es könnte ja sein, dass durch diesen juristischen Erstschlag das Schattenkabinett bald wieder zum Zuge kommt. Dann wäre dieses hier eine echte, ähm, Kompetenzkolumne.

Agenturjournalisten müssen rasend schnell sein. Sie sind die Formel-1-Autoren der Branche. dpa ist die größte deutsche Nachrichtenagentur, Wilm Herlyn ist dort Chefredakteur. Am Mittwoch war Herlyn auf dem Empfang von „Focus“, um höchstselbst darüber zu berichten. Der Schluss seines Artikels geht so: „Überliefert jedoch ist, dass Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) wieder Gefallen gefunden hat am Feiern: Er blieb als einer der letzten Gäste bis in den frühen Morgen.“ Als Wowereit längst im Bett lag, muss Wilm Herlyn seine Recherchen an der Bar fortgesetzt haben. Sein dpa- Bericht lief am Donnerstag, 17 Uhr 17 aus dem Ticker.

Und dann war da noch die „B.Z.“ und die Schlagzeile: „SORRY, liebe Kameruner, heute schicken wir euch nach Hause.“ Nun ist dieses SORRY nicht ganz korrekt. Kamerun hat zwei Amtssprachen, und 80 Prozent der Bevölkerung sprechen französisch. Wie viele Berlinbesucher aus Kamerun hätten die „B.Z.“ gekauft, wenn sie diese Überschrift verstanden hätten? War ja nur ein Hinweis, Georg Gafron. PARDON!

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