Medien : Medienrepublik (37)

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Harald Martenstein über

die Verwandtschaft zwischen

„Bild“ und „Berliner Seiten“

Falls Deutschland tatsächlich Fußball- Weltmeister wird, dann erscheint die „Bild“- Zeitung bestimmt wieder in Schwarz-Rot- Gold. DANKE, OLLI! DAS WAR KAHNSINN! Oder so ähnlich. Das ist ihr Stil. „Bild“ wird am Montag 50 Jahre alt. Und die „FAZ“ stellt ihre „Berliner Seiten“ ein.

Kaum ein Alltagsprodukt ist in den letzten zehn, zwanzig Jahren so stark verbessert worden wie die Zeitungen. Die aufwendigen Reportagen, die Essays oder die großen Interviews, die es früher nur in Wochenblättern oder Magazinen gab oder allenfalls in der Wochenendbeilage, findet man in vielen Tageszeitungen heute auch an ganz normalen Wochentagen. Luxus ist Alltag geworden.

In den Köpfen hat sich etwas verändert. Früher dachten die meisten Journalisten: Unser Job besteht darin, Nachrichten zu überbringen, Hintergründe zu recherchieren, einzuordnen, zu kommentieren, fertig. Das ist immer noch so, aber es ist etwas Entscheidendes dazugekommen. Heute wissen die meisten Journalisten, dass sie inszenieren müssen. Komödien oder Tragödien, auch mal ein Epos oder eine Farce. Sie sind Regisseure, Wortkomponisten, im besten Fall sind ihre Seiten ein Stück Konzeptkunst. Das haben sie unter anderem von „Bild“ gelernt (so, wie „Bild“ von englischen Vorbildern gelernt hat). „Bild“ ist nicht nur eine politische Macht, sondern auch eine ästhetische.

Es müsste eine linke „Bild“-Zeitung geben, hieß vor dreißig Jahren ein beliebter Satz an WG-Küchentischen. Unter anderem aus dieser Idee heraus ist die „taz“ entstanden, und auch die „taz“ wurde einflussreich – mehr, als ihre Auflage es vermuten lässt. Die Journalisten der anderen, normalen, traditionellen Tageszeitungen waren oft neidisch, wenn sie die linke „taz“ oder die proletarische, anfangs rechte, später nicht mehr ganz so rechte „Bild“ aufschlugen. So frech. So lustig. So intelligent. Allmählich wurden auch sie mutiger. Der Satz, dass eine gute Zeitung nur eine „objektive“ Zeitung ist, leuchtete nicht mehr allen ein. Ist Subjektivismus nicht viel schöner, auch für die Leser? Das „SZ-Magazin“ führte die journalistische Konzeptkunst zu neuen Höhen – es ging also auch bei einer Tageszeitung für das gebildete Publikum.

Als die „FAZ“, diese stolze Bastion ihrer eigenen Traditionen, ihre „Berliner Seiten“ einführte, schien der letzte Damm zu brechen. Die „Berliner Seiten“ sind auf den ersten Blick ein Lokalteil. Auf den zweiten Blick sind sie ein Feuilleton. Sie arbeiten aber ähnlich wie „Bild“, wie eine Boulevardzeitung. Sie wählen radikal aus, sie wollen das Leben in der Stadt nicht abbilden, sondern sie nehmen die Stadt als Material für eine möglichst unterhaltsame Inszenierung. Was ist wichtig? Wichtig für die Leser ist das, woraus sich für die Zeitung etwas machen lässt.

Die meisten Zeitungen sind heute besser als vor zwanzig Jahren, aber das nützt ihnen zurzeit nicht viel. Die Branche steckt in einer Krise, Folge der allgemeinen Wirtschaftslage. Es muss gespart werden, deshalb macht die „FAZ“ ihre „Berliner Seiten“ dicht, auch das „Magazin“ der „Süddeutschen“ gilt seit längerem als Todeskandidat. Das ist in der Wirtschaft ungewöhnlich: Ein Unternehmen, dessen Umsatz sinkt, schließt als Erstes seine Innovations- und Kreativabteilung.

Die Boulevardisierung in Frankfurt wurde einstweilen gestoppt. Das Prinzip Bild hat einen Rückschlag erlitten.

Was heißt – „Prinzip Bild“? Was heißt Boulevardjournalismus? Einerseits: Freie Fahrt für Kreativität, für Witz, für Dadaismus. Das ist die Sonnenseite des Boulevards. Andererseits: Verlust von Distanz. Distanz zum Betrieb und zu den Mächtigen ist für den traditionellen Journalisten eine Tugend, für den Boulevardmenschen ein Fehler. Der Boulevardjournalist zieht ein Interview mit Dieter Bohlen jederzeit einer Analyse des Phänomens Bohlen vor, auch wenn die Analyse noch so gut geschrieben ist und Bohlen keinen einzigen intelligenten Satz sagt. Der Boulevardjournalist will nichts erklären, er will dazugehören, nahe dran sein, am liebsten würde er mit ihnen verschmelzen. Deshalb kann er es sich nicht leisten, die Mächtigen zum Feind zu haben. Er ist keine Kontrollinstanz, sondern Spiegel. Die Welt, so glaubt er, ist genau das, wonach sie aussieht. Die Welt ist okay, super Stoff. Der Schein ist das Wahre. Es gilt das gesprochene Wort. Was dahinter steckt, ist unwichtig – das Unsichtbare, die Interessen, die geheimen Fäden, an denen die Welt möglicherweise hängt.

„Bild“ ist wahrscheinlich eine der besten Boulevardzeitungen, die es gibt. Und die „Bild“-Zeitung ist so mächtig, dass sie sich sogar Feindschaften leisten kann. Die „taz“ und die „Berliner Seiten“ aber schaffen oft alles zusammen: Witz, Inszenierung, Respektlosigkeit und analytische Schärfe. Sie sind eine Weiterentwicklung, sie verhalten sich zu „Bild“ wie das Düsen- zum Propellerflugzeug. Das ist natürlich nur eine subjektive Ansicht. Aber subjektiv darf man ja sein.

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