Medien : Medienrepublik (44)

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Malte Lehming über Tiger, psychotische Dackel und andere US-Serienhelden

Der beste Freund des Menschen ist der Tiger. Jedenfalls in Amerika. Dort werden etwa 12 000 Tiger als Haustiere gehalten. Mit einem davon geht der Boxer Mike Tyson regelmäßig Gassi. 12 000 Tiger – das ist viel. Man schätzt, dass es in der freien Wildbahn weltweit knapp 7200 Tiger gibt. Allein in Texas laufen mehr Tiger an der Leine herum, etwa 4000, als in ganz Indien in der Natur. Ein Babytiger – mein Gott, wie süß! – kostet ungefähr tausend Dollar. Mit einer Kreditkarte kann man ihn sich bequem online bestellen. Allerdings sollte man die Folgekosten nicht unterschätzen. Ein ausgewachsener Tiger wiegt rund 180 Kilogramm und ist eine wahre Fressmaschine. Täglich verfuttert er Fleisch im Wert von 200 Dollar. Die Privathaltung von Tigern wird in den USA großzügig geduldet. In 19 von 50 Bundesstaaten ist sie zwar verboten, aber was soll die Polizei mit einem beschlagnahmten Raubtier schon machen? Die Zoos sind überfüllt, und Richtung Asien abschieben kann man die verwöhnten Bälger nicht mehr.

Der gemeine Amerikaner ist halt tierlieb. Ob Sittiche, Hamster, Schlangen, Löwen, Katzen, Hunde oder Büffel: Er hält sie sich alle. Und für jede Gattung gibt es einen speziellen Arzt, einen speziellen Friedhof und spezielle Kleidung zum Anziehen. Derzeit sind gerade Möpse angesagt. Überall laufen Möpse herum. Also sprießen in einigen Stadtteilen die Möpse-Boutiquen aus dem Boden. Die Debatte über das Klonen wiederum wäre emotional nur halb so aufgeladen, wenn es sich ein paar Superreiche nicht in den Kopf gesetzt hätten, ihrer jüngst verstorbenen Rassekatze zum ewigen Leben zu verhelfen.

Natürlich haben die Tiernarren auch ihren eigenen Fernsehsender. Gewissermaßen „Fury“, „Lassie“ und „Dr. Grzimek“ rund um die Uhr. Seit 1996 kann „Animal Planet“ in 79 Millionen US-Haushalten per Kabel empfangen werden. Das Programm ist ein Riesenerfolg. Jahr für Jahr steigt die Zuschauerquote um durchschnittlich 28 Prozent. Im ersten Quartal des Jahres 2002 sahen im Wochenschnitt 32 Millionen Amerikaner Sendungen wie „The Crocodile Hunter“ oder „Emergency Vets“. Relativ neu ist „The Pet Psychic“. Seit Januar kann der Zuschauer jeden Montag, Freitag und Sonntag der Tierpsychologin Sonya Fitzpatrick – etwas strenges Gesicht, Anfang 60, kurze, blondierte Haare – bei der Arbeit zusehen. Sonya kann die Gedanken aller Haustiere lesen. Sie kann Hunde kurieren, die wild auf Fast Food sind, und sie kann Kontakt mit verstorbenen Haustieren aufnehmen. „Ihr Hamster möchte Sie wissen lassen, dass er am Ende nicht gelitten hat.“ Frauchen ist erleichtert, Tränen rollen ihr über die Wangen. Auch mit praktischen Ratschlägen hilft Sonya gerne. In der letzten Episode hörte sie sich die Ängste einer schwangeren Frau an, die ihren Ehemann und den Rauhaardackel mitgebracht hatte. Ob der Dackel sich an das Neugeborene gewöhnen wird? Sonyas Tipp: Der Mann soll mit der allerersten vollgekackten Windel von der Entbindungsstation nach Hause laufen und die Windel dem Hund ausgiebig zu riechen geben.

Ob das Verfahren auch bei Tigern funktioniert, hat Sonya nicht gesagt.

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