Medien : Medienrepublik (50)

NAME

Norbert Thomma über die „FAZ“-Redaktion „Technik und Motor“

Nehmen wir mal eine Meldung, die im Strudel der aktuellen Ereignisse beinahe untergegangen wäre: „Backformen lassen im Ofen so viel Platz um sich, dass er allemal für großzügige Griffe reicht, die das Herausziehen aus dem Rohr, Heben und Stürzen sicherer und bequemer machen, seltsamerweise aber gewöhnlich fehlen. Bei Dr. Oetkers Serie „Contura“ sind sie der Haltbarkeit und reinigungsfreundlichen Fugenfreiheit halber gleich angegossen. Die antihaftbeschichteteten Kranz- Napf-, Rosetten- und Kastenformen aus leichtgewichtigem und gut wärmeleitendem Aluminiumguss kosten 30 und 35 Euro. (bs.)“

Natürlich kann man jetzt fragen: Wen interessiert das? Napfformen! Fugenfreiheit! Nun, es ist einfach schön zu wissen, dass sich da jemand mit Freude und Kompetenz auch um die kleinen Dinge dieser Welt kümmert. Dass man selbst Dienstag für Dienstag auf sechs Seiten mit dem Titel „Technik und Motor“ in eine fremde Welt eintauchen darf. Dass sich redaktionelle Fachkräfte dem Champagneröffner „Descorjet“ mit derselben journalistischen Sorgfalt nähern wie dem Faltboot „Aerius XXL“, dem Marinefernglas „Commander V“ ebenso wie die Kamera „Samsung Vega 290w.“ Natürlich kann man auch jammern. Die „Berliner Seiten“ sind weg, die „Woche“ auch, für die Jungen das „jetzt“ – futsch. Aber irgendwann muss Schluss sein. Noch diese Woche? Jetzt! Denn das Leben geht weiter, die Sonne zeigte sich wieder, und da freut man sich über Hinweise wie diesen: „Adratic heißt ein neuer Klappdeckelverschluß mit Mundstück von Seaquist Löffler für Flaschen mit Kohlesäurehaltigen Getränken. An seiner Basis sieht der Gewindeschraubverschluß aus Kunststoff aus wie eine gewöhnliche Plastikkappe für Flaschen mit Standard-Gewinde. Die obere Hälfte des Deckels lässt sich jedoch aufklappen und gibt ein Mundstück aus Kunstoff frei, in dem ein Ventil das kontrollierte Auslaufen des Getränks verhindert. Der Schraubverschluss, den man für das Ausgießen größerer Mengen benutzt, und der Klappdeckel sind jeweils mit Sicherheitslaschen ausgestattet, die beim ersten Öffnen aufbrechen. (pts.)“

Natürlich sagen alle, sie würden die „FAZ“ wegen des Feuilletons lesen. Wegen der Unternehmensnachrichten und wegen des Reiseblatts, ach, so geistvoll und so seriös, das alles. Na und? Höchste Zeit, einmal eine wüste Drohung gen Frankfurt zu schicken: He da! Ihr habt uns das „FAZ“-Magazin genommen, Ihr habt die Tiefdruckbeilage gemeuchelt, Ihr habt Berlin gekillt, der Fragebogen (Lieblingsantwort: „Stalin und Hitler“) kompostiert auf dem Müllhaufen der Geschichte. Finger weg von „Motor und Technik“! (Achtung, Achtung, dies war eine Abonnementskündigungsdrohung!)

Schönes Wort Abonnementskündigungsdrohung. Aber nicht so schön wie die Begriffe des technischen Alls. Thermodachfenster. Hüftwinkelverstellung. Winterbelüftung. Währungsrechner. Keramikverbundscheibenbremse.

Ja, man liebt eine Zeitung nicht wegen der politischen Nachrichten. Man liebt sie wegen der Pflege kleiner Verschrobenheiten. Und wegen der Ernsthaftigkeit, mit der sie Aludosen einen langen Dreispalter widmet. Dienstag ist „FAZ“-Tag. Nur aus einen einzigen Grund.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben