Medien : Medienrepublik (57)

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Norbert Thomma freut sich über neue Sätze von Harry Rowohlt

Er schreibt einfach nichts, er schreibt schon seit Jahren nicht mehr, er übersetzt viel, und ab und an taucht er als Zausel in der „Lindenstraße“ auf. Freunde seiner feinen Formulierungen, Volten, Anekdoten müssen in Büchern nachschlagen, die seine Kolumen „Pooh’s Corner“ versammeln, mit denen er seine Leser zum Kauf der „Zeit“ trieb. Tja, Harry Rowohlt fehlt.

Beim Blättern stößt man beispielsweise auf „drei Tabusätze für Journalisten“ aus dem Jahr 1996, die auch heute noch gelten: „Als ich die Gangway hinunterstieg, schlug mir die dumpfigschwüle Atmosphäre des Inneren Gran Chaco entgegen wie ein feuchtes Handtuch“, weil selbst die abgebrühteste „Brigitte“-Leserin inzwischen weiß, dass die Atmosphäre im Inneren Gran Chaco aus feuchten Handtüchern besteht und gar nicht anders kann und deshalb entschuldigt ist.

„Der Taxifahrer sagte mir…“, weil man auf diese Weise verrät, dass man keinerlei Kontakt zu den Einheimischen hatte.

„Am Canal St.-Martin scheint die Zeit stehen geblieben zu sein“, obwohl es stimmt, weil es unfein ist. So was sagt man nicht.

Völlig überraschend gibt es nun eine Autobiografie von Harry Rowohlt, die keine richtige ist, weil er niemals eine schreiben wollte und wohl auch nie eine geschrieben hätte, nein, er ist nach Irland gefahren und hat dort einem Freund (und Journalisten) sein Leben erzählt, das ganze Leben „von der Wiege bis zur Biege“ (In Schlucken-zwei Spechte, Edition Tiamat, 223 Seiten, 17 Euro).

Ein kleines Beispiel nur: „Ich hab mir mal die Stirnhöhlen, beziehungsweise die Nebenhöhlen fenstern lassen. Man kann auch Stirnnebenhöhlen sagen. Ich tendiere zu Stirnnebenhöhlen. Wenn schon, denn schon. Kurz vorher war in Hamburg ein Mann unter Vollnarkose gestorben, weil man ihn wegen des Bartes nicht beatmen konnte. Der ganze wertvolle Sauerstoff verlor sich im Bart. Also musste der Bart ab, weshalb ich mich seit Jahrzehnten zum ersten Mal rasiert habe. Bei dieser Gelegenheit stellte ich fest, dass das Kinngrübchen, das in meinem Wehrpass noch zu sehen ist, nicht mehr da war – ein Grübchen wie das von Kirk Douglas. Ich hatte auch kein Kinn mehr. Es war verkümmert, weil es jahrzehntelang niemand gesehen hatte. Das gibt es oft bei Organen, die nicht verwendet werden.“

Solche Sätze eben. Schön, dass sie jetzt da sind. Es gibt auch noch gute Nachrichten in diesen Zeiten.

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