Medien : Medienrepublik (59)

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Malte Lehming über Winona Ryder und die tröstende Gerechtigkeit des Fernsehens Der Prozess gegen sie wurde von Medienrummel begleitet, der noch größer war als bei der Scheidung von Boris Becker. Warum geifern die Menschen nach solchen Geschichten? Die Erklärung ist einfach: Das Gerechtigkeitsgefühl will es so. Der gemeine Bürger erträgt den Gedanken nicht, dass es anderen besser geht. Er denkt: Im Grunde genommen haben die Stars ihren Wohlstand und Ruhm nicht verdient, ihr Glück darf folglich nur sporadisch währen, außerdem muss es teuer erkauft worden sein – durch Alkoholismus (Juhnke), Kleptomanie (Ryder) oder zerrüttete Ehen (Becker). Eine Elite, die keine Schicksalsschläge erleidet, provoziert die Masse bis zur Weißglut.

Der ungebrochene Erfolg des Reality-TV wird durch einen anderen Trick genährt. Am vergangenen Mittwoch zeigte der Sender ABC das Finale der Serie „The Bachelor“ („Der Junggeselle“). Sechs Wochen lang hatten 25 Frauen um einen einzigen Mann gebuhlt. Sie hatten sich mit ihm verabredet, ihn geküsst, mit ihm geschäkert und im Whirlpool gesessen. Doch eine nach der anderen bekam den Laufpass, in der Regel mit viel Geschluchze, bis am Ende zwei Rivalinnen übrig blieben. Die mussten einen ganzen Abend in der Familie des Angebeteten verbringen. Die Entscheidung wollten 27 Millionen Zuschauer sehen – ein Jahresrekord.

In diesem Fall ist es die Banalität des Fernsehens, dessen nivellierende Kraft, die fasziniert. Eine neue Generation, die sich flexibel in Akteure und Voyeure unterteilt, legt freiwillig jeden Skrupel vor der Öffentlichkeit ab. Für „ten minutes of fame“ werden „ten minutes of shame“ riskiert. Besonders bei jungen Frauen war die Serie Kult. Sie verabredeten sich in Gruppen, um die Hoffnungen der 25 und das Leiden der 24 Bewerberinnen mitzuverfolgen. Beim Boulevard beruhigt es, wenn sich hinter den Kulissen der Schönen, Reichen und Berühmten ein paar Abgründe auftun. Beim Reality-TV dagegen beruhigt die Gewissheit, dass es Menschen gibt, die im Fernsehen auftreten und genauso schüchtern, trottelig, hausbacken, zickig oder vorlaut sind, wie man es selbst ist. Erst wenn das Hohe niedrig gemacht und das Niedrige universell geworden ist, herrscht wieder Gerechtigkeit auf dieser Welt.

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