Medien : Medienrepublik (60)

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Norbert Thomma warnt

das ZDF vor Geilheit und staunt

über geistige Armut in der „Welt“

Vergangenes Wochenende gab es Boxen im ZDF, und der smarte Moderator versprach den Zuschauern einen „geilen Boxabend“. Liebes ZDF, ich möchte von Ihnen nicht in juvenilem Ton einen „geilen Boxabend“ versprochen bekommen. Dabei habe ich volles Verständnis für Ihr Problem. Die Zuschauer im ZDF sind zu alt. Deshalb wollen Sie jugendlich werden. Ihr Programm, liebes ZDF, soll uns voll gut draufbringen, es soll sexy sein, möglichst cool, ein bisschen wie die Werbung von Bacardi – und trotzdem solide. Vielleicht geht das ja nicht, so wie auch Peter Hahne im StringTanga nicht wirklich geht.

Sie sollten sich, liebes ZDF, von den Marketingstrategen nicht irre machen lasse. Seien Sie stolz auf Ihr altes Publikum! Widmen Sie es zur Stärke um. Denn der demografische Faktor ist mit Ihnen. Unsere Gesellschaft wird immer älter (fragen Sie Ulla Schmidt). Bald wird es nur noch Alte geben, und die paar restlichen Jungen arbeiten dann bei RTL 2. Wenn aber nur noch Alte da sind (und es wird die steinreiche Erbengeneration sein; das nur als Argument für die Marketingstrategen), um Fernsehen zu schauen, braucht es auch einen Seniorenkanal: das ZDF.

Das mit dem Boxen, übrigens, ist eine prima Sache. Bei den privaten Sendern wurde in den Pausen zwischen den Runden immer Werbung gezeigt. Als würden die Pausen nicht zum Kampf gehören. Als würde man aus den Gesichtern der Boxer, aus den Gesprächen mit den Trainern nicht vieles schließen können. Als genügte es beispielsweise, von Aida nur den Triumphmarsch und ein paar weitere musikalische „geile Knaller“ (siehe oben) zu übertragen. Und immerhin wollten bis zu zehn Millionen Menschen Witali Klitschko auch ohne Werbung sehen. Das sollte Sie, liebes ZDF, freuen.

Denn all die Millionen haben sicher nicht wegen der Prominenten am Ring eingeschaltet. Es ist daher auch gar nicht nötig, den ganzen Abend mit den Peter Maffays dieser Welt dumme kleine Interviews zu führen. Sonst gerät das Ganze zu einem Remake der Verleihung des „Goldenen Lenkrads“, einer nebenbei erwähnt ekelhaften Veranstaltung, für die ich, liebes ZDF, keine Gebühren verschwendet sehen möchte. Sie ersparen dann auch Johannes B. Kerner (Goldenes Lenkrad/Maffay/Boxen) die Behauptung, das Einblenden der Bundesligatabelle sei „journalistische Arbeit“.

Es muss nicht sein, nur damit wir uns richtig verstehen, dass Ihr Wetterfrosch von „heute“ künftig „vollkrasse Gewitter“ oder „hammerharte Hitze“ ankündigt; es genügen zu erwartende Niederschlagsmengen, Temperaturen und Windstärken. Ja, liebes ZDF?

P.S.: Und dann sind da noch die Synergieeffekte zwischen „Welt“ und „Berliner Morgenpost“. Ein Artikel, zweimal gedruckt, das spart Geld. Am Freitag stand in der „Welt“ über einen Besuch von Christian Ströbele bei Stafan Raab: „Wer in Friedrichshain-Kreuzberg ein grünes Direktmandat für den Bundestag gewonnen hat, ist als jemand ausgewiesen, der keine Berührungsängste mit den geistig Armen hat“. In der „Morgenpost“ las sich das so: „… ist als jemand ausgewiesen, der keine Berührungsängste mit Vertretern von Randgruppen hat.“

Was davon hatte der Autor „pag“ eigentlich geschrieben?

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