Medien : Medienrepublik (61)

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Harald Martenstein findet, dass Helmut Reitze seine Fliege überfordert

Einer der Beiträge des Kritikers Reich Ranicki zur deutschen Kulturgeschichte besteht in der Wiederbelebung des Wortes „fabelhaft". „Fabelhaft“ stammt aus der Zeit, als die High Society noch Hautevolee hieß. Bevor Reich-Ranicki mit dem „Literarischen Quartett“ angefangen hat, war „fabelhaft“ vom Aussterben bedroht, wie „Quisquilie“ oder „Krammetsvogel“ – man ahnte dunkel, dass es irgendwas zu bedeuten hat, aber was eigentlich? Inzwischen wird „fabelhaft“ nicht einmal mehr vom Word-Korrekturprogramm rot unterkringelt. Das Word-Korrekturprogramm ist seit einigen Jahren das Gegenstück zur roten Liste der gefährdeten Tierarten. Wenn Word ein Wort rot unterkringelt, dann ist es ein originelles, seltenes, in seinem Bestand gefährdetes Wort.

Deutschlands berühmtestes Fliegengesicht, Helmut Reitze vom „heute-journal“, wird ja jetzt Intendant des Hessischen Rundfunks. Im „Medium Magazin“ haben Sie ihm den dort üblichen Fragebogen vorgelegt. Die Antworten sind hier stark gekürzt, aber nur ganz leicht verfälscht.

Seine Vorbilder? Unter anderem sein Chef, Dieter Stolte. Was muss ein Journalist sein? Neugierig. Seine Stärken und Schwächen? Das müssen andere entscheiden. Die liebste Internet-Adresse? Google und „heute". Lieblingssendung? „heute“ und „heute-journal". Hobby? Die Familie. Wer ist ein fähiger Politiker? Ausweichende Antwort.

Originalität ist offenbar nicht so das Ding von Helmut Reitze. Das Originellsein hat er an die Fliege delegiert, die er sich morgens umbindet. Man kann aber, wie Menschen oder Tiere, so auch Kleidungsstücke überfordern.

Bei den offenen deutschen Meisterschaften im Liberalsein hat diesmal der „Spiegel“ den ersten Platz belegt. Und zwar so: Harry Rowohlt erzählt in seinem neuen Buch von einem Freund, der in einem griechischen Kaff lebt und gelegentlich in die Stadt fährt, um dort den neuen „Spiegel“ zu kaufen. Er fängt immer sofort an zu lesen und liest auf dem gesamten Nachhauseweg. Einmal habe dieser Freund dabei seine drei Kinder an der Bushaltestelle vergessen. Und dann heißt es bei Rowohlt: „Das war zu der Zeit, als man den Spiegel noch lesen konnte, also vor Stefan Aust.“

Der Verlag wirbt ausgerechnet für dieses Werk mit einem Zitat aus dem „Spiegel". Es lautet: Bei Harry Rowohlt gebe es gewisse Stellen, die man mit steigendem Genuss „dreimal nacheinander lesen“ könne. Liberalität oder Widerstand gegen den Chef, zwischen den Zeilen? So ähnlich hat es in der DDR auch angefangen.

Zum Schluss ein Gedicht. Es gibt nicht viele Gedichte über medienpolitische Themen. Dieses handelt von der Kreativität.

Ein fettes Huhn legt keine Eier.

Ganz ähnlich geht’s dem Dichter Meier,

der auch nicht mehr viel dichten kann,

seit er das große Los gewann.

Von Wilhelm Busch. Fabelhaft.

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