Medien : Medienrepublik (63)

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Norbert Thomma fürchtet wilde Legenden und freundliche Araber

Drehen denn jetzt alle durch? Lassen wir uns von Mythen den Kopf verrückt machen? Neulich erzählte die Freundin der Frau eines Kolumnisten, sie habe in München eine Brieftasche gefunden, prallvoll mit Euroscheinen; der Verlierer (sagt man so?) sei ein „arabisch aussehender Mann“ gewesen. Sie, die Freundin, habe diesem Herrn seine Börse nachgetragen, worauf dieser hocherfreut gemeint hätte: „Sie sind sehr nett. Ich gebe Ihnen einen Rat, gehen Sie am Samstag nicht in die Fußgängerzone!“ Irre, oder? Eine Warnung! Der Kolumnist gab die Geschichte an einen Berliner Kollegen weiter, der rief: „Wow, daraus müssen wir etwas machen!“ Eine Kollegin des Kollegen sagte sofort, sie habe genau diese Frauträgt-Araber-Börse- nach-und-bekommt-Tipp-Sache aus Köln gehört …

Unterdessen schaffte es der charmante Bombenleger in den Lokalteil der „Süddeutschen Zeitung“: „Staatsschutz-Fahnder können Araber, der angeblich vor Terror warnt, nicht ausfindig machen.“ Unzählige Brieftaschenfinder hatten sich bei der Polizei gemeldet und Alarm geschlagen. Nun lief dieser Tage im Info-Radio ein Bericht aus Paris. Die Reporterin meldete, in der Metro würden ständig dunkelhäutige Männer Handys rsp. Geldbeutel verlieren und den Findern raten: „Ich würde an Ihrer Stelle am 31. Dezember die Champs Elysees meiden.“ Worauf die Berliner Moderatorin ausrief: „Dasselbe habe ich vom Potsdamer Platz gehört.“

München-Köln-Paris-Berlin … Die Nachricht vom freundlichen Araber verbreitet sich im Affentempo, ohne dass sie anfangs in irgendeiner Zeitung zu lesen wäre. Erinnert sich noch jemand an die Nierendiebe? In den frühen 90er Jahren kannte jeder einen Freund einer Freundin einer Kollegin, dem folgendes passiert ist: Auto abgestellt in einer Parkgarage, ohnmächtig geworden, nach Stunden wieder aufgewacht mit einer frischen Operationsnarbe und einer Niere weniger. Der Organklau ging um! Es gab damals Leute, die ihren Wagen lieber im Halteverbot abstellten, als in ein Parkhaus zu fahren.

Nun also die Bin-Laden- rsp. Terror-Variante. Wer unter www.urbanlegends.com nachschaut, wird noch mehr davon finden, viel mehr davon.

Einen Araber (wahlweise Iren) etwa, der im Londoner Kaufhaus Harrods von der Benutzung der U-Bahn abrät. Oder: „Trinken Sie keine Cola nach dem 1. Juni!“ Die Quellen gehen von der „Jerusalem Post“ bis zum „Cleveland Morning Journal“.

Bereits 1941, kurz nach Pearl Harbor, ist der „warning stranger“ aufgetaucht; ein Mann hatte eine fremde Frau im Auto mitgenommen und abgelehnt, Geld dafür anzunehmen; die Frau gab ihm mit auf den Weg …

Man wird schon selbst ganz wunderlich. Man deutet die Nachrichten und Hinweise dieser Tage in ganz neuem Licht. Die Frau sagte gestern: „Du solltest das Auto heute stehen lassen.“ In der Zeitung steht: „Verkaufen Sie Aktien und Immobilien nicht nach dem 1. Januar.“ In der Kantine meint jemand: „Diesen Eintopf würde ich lieber nicht essen.“ Kann es sein, dass das Jahr 2002 wirklich so endet? Paranoid?! Vielleicht sind die kleinen Ratschläge ja nur freundlich gemeint. Und freundliche Worte sind so selten in Berlin.

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