Medien : Medienrepublik (70)

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Malte Lehming wittert die Befindlichkeiten in den USA

Bevor es ernst wird, sollen die Tierschützer zu Wort kommen. In Amerika heißt deren prominenteste Organisation „People for the Ethical Treatment of Animals“. Deren Präsidentin, Ingrid Newkirk, hat am Montag einen Brief nach Ramallah gefaxt, ins Hauptquartier von Jassir Arafat. Darin schimpft sie, weil am 26. Januar bei einem Attentat in Jerusalem ein Esel eingesetzt worden war. Um dessen Körper hatten radikale Palästinenser den Sprengstoff gewickelt. „Your Excelleny“, schreibt Frau Newkirk, „falls Sie die Gelegenheit haben, möchte ich Sie bitten, an all jene zu appellieren, die auf sie hören, dass sie die Tiere aus diesem Konflikt heraushalten.“ Das Schreiben ist echt, eine Antwort steht noch aus.

Doch nun zum Irak und den UNInspektoren. Was die US-Regierung von der Bundesregierung denkt, drückt Donald Rumsfeld meist treffend aus. Eine Pointe allerdings hat sich der US-Verteidigungsminister noch aufbewahrt. Falls in Berlin wieder einmal die Lobeshymne auf die „gute Arbeit der Inspektoren im Irak“ angestimmt wird, könnte Rumsfeld, ganz nebenbei, an zwei andere Inspektionen erinnern, die von einer deutschen Regierung gepriesen wurden. Im Juni 1944 und im April 1945 schickte das Rote Kreuz seine Mitarbeiter nach Theresienstadt. Zuvor hatte die SS das Ghetto „verschönert“. Plötzlich gab es zwei Tage lang „wunderbares Essen“, erinnern sich Überlebende. Die Berichte des Roten Kreuzes waren euphorisch. Die Stadt mache einen „sehr günstigen Eindruck“.

Im Unterschied zu Rumsfeld müssen Diplomaten reden können, ohne etwas zu sagen, und wehtun können, ohne jemanden beleidigt zu haben. Zwei Diplomaten standen gerade im Rampenlicht der Welt, Colin Powell und Joschka Fischer. Beide sind klug und bedächtig, beide spüren den Druck der Verantwortung, der auf ihnen lastet. Powell muss sein Land auf den Krieg einstimmen, und Fischer muss sein Land aus der diplomatischen Sackgasse führen. Als Powell in diesen Tagen an die Schlafgewohnheiten seines Chefs erinnert wurde (George W. Bush prahlt stets damit, um Punkt zehn Uhr abends ins Bett zu gehen und dann wie ein Baby zu schlafen), antwortete Powell: „Ich schlafe auch wie ein Baby – alle zwei Stunden wache ich auf und weine.“ In diesem Satz bündelt sich der Zustand der US-Regierung am Vorabend des Krieges. Wie schläft eigentlich Rumsfeld?

Auch von Fischer wird ein denkwürdiger Satz kolportiert. Am Tag, als Powell vor dem UN-Sicherheitsrat sprach, stand in der „Washington Post“ ein Kommentar mit der Überschrift „Listen to Germany“. In einer historischen Analyse kommt die Autorin zu dem Ergebnis, dass die Antikriegs-Rhetorik von Kanzler Gerhard Schröder nur pazifistisch klingt, in Wahrheit aber von neudeutscher Dreistigkeit getrieben wird. Sie muss im Zusammenhang gesehen werden mit der Kompensations-Debatte für Heimatvertriebene, den Diskussionen über die Kriegsverbrechen der Alliierten, aufgehängt an der Bombardierung von Dresden und dem Drängen nach mehr Macht innerhalb der EU. Ob es zum Irak-Krieg kommt, entscheidet sich zwar nicht in Berlin, aber die Haltung der Bundesregierung „lehrt uns viel über die Richtung, in die sich Deutschland insgesamt bewegt“.

Tags darauf war die „Washington Post“ enttäuscht. Der „rätselhafte“ Fischer habe, während Powell sprach, mit seinem Stift herumgespielt, mit den Fingern auf dem Tisch getrommelt, sich mit Mitarbeitern unterhalten und sorgfältig seine Brille geputzt. Anschließend, als er um eine Reaktion gebeten wurde, sagte er bloß: „Ich bin kein Experte in Geheimdienstfragen. Die Experten werden das Material auswerten müssen, dann sehen wir weiter.“ Genscher hätte das kaum prägnanter formuliert.

Kleine Frage zum Schluss: Wie wird in Amerika ein Krieg gegen den Irak genannt, der mit UN-Mandat geführt wird? Blixkrieg.

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