Medien : Medienrepublik (77)

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Matthias Kalle verzweifelt bei der Suche nach Helden

Eigentlich hätte die vergangene Woche eine Woche für Helden werden können, aber sie wurde es nicht und das kam so: Wir von den Medien, wir brauchen Helden, wir brauchen die ganz dringend, damit wir Ihnen, verehrte Leser, Heldengeschichten erzählen können, denn in Heldengeschichten ist alles drin – Drama, Komödie, Tragödie, Spannung, Freud und Leid.

Was aber machen wir von den Medien, wenn es keine Helden gibt? Natürlich, wir schaffen selber welche, und dafür ist uns – und das ist nicht wirklich ein Geheimnis – kein Trick zu plump. Die „Bild“Zeitung versuchte vor kurzem, aus der 16-jährigen Münchener Realschülerin Anna eine Heldin der neuen deutschen Friedensbewegung zu machen. Der Grund war, dass sich Anna den Spruch „Gegen Bomben“ auf das Dekolleté geschrieben hat, und so war sie kurzzeitig das „Demo-Luder“, aber am Mittwoch machte „Bild“ dann aus einer rothaarigen Stripperin aus Frankfurt das „Big Brother Luder“. Ihre Qualifikation ist ihre Maßlosigkeit: „Ohne Sex halte ich es im Container nicht aus.“ Allerdings haben es die Zuschauer sehr lange sehr gut ohne den Container ausgehalten, und es würde an ein mediales Wunder grenzen, wenn „Big Brother – The Battle“ länger als einen Monat auf Sendung bleibt, so grottenlangweilig ist das Ganze, so furchtbar, so schlimm, so dumm.

Dabei ist ein Battle, ein Kampf, eigentlich immer auch ein Ort, an dem Helden geboren werden, und im Kampf der Amerikaner gegen Saddam Hussein haben jetzt die US-Medien ihre erste Heldin gefunden. Jessica Lynch heißt sie, 19 Jahre alt, und sie war eine Kriegsgefangene der Iraker, aber ihre Kameraden haben sie rausgeholt aus einem Krankenhaus.

In den Zeitungen war zu lesen, dass Lynch noch schwer verletzt gekämpft und Feinde erschossen habe, „bis sie keine Munition mehr hatte“. Die „Washington Post“ zitiert eine offizielle Quelle: „Sie kämpfte bis zum Tod. Sie wollte nicht lebend in Gefangenschaft geraten.“ Tat sie dann aber doch und für eine Heldin etwas unbeholfen: Sie bog mit dem Jeep falsch ab und fuhr in eine irakische Kolonne.

Das alles sind allerdings unbestätigte Gerüchte. Weniger als ein Gerücht, nämlich schlichtweg falsch, war die „taz“-Geschichte über die Ausreise von Wolf Biermann in die USA. Ein Autor schrieb, dass sich Biermann bereits ein Anwesen in Connecticut gekauft habe, weil er sich in Deutschland wegen seiner Haltung zum Krieg unverstanden fühle. Obwohl er sich doch eigentlich als Held sähe, fehle ihm wohl die nötige Aufmerksamkeit – wenigstens das dürfte dann aber so stimmen.

Es hilft nichts, dann eben müssen die Medien ihre Helden aus den eigenen Reihen rekrutieren, und so heißen die Helden dieser Woche auch wieder Stefan Kloss, Ulrich Tilgner und – Danke, „Bild“! – Antonia Rados. Wie, die kennen Sie alle nicht? Vielleicht ist aber auch gerade nicht so die richtige Zeit, um ein Held zu werden.

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