Medien : Medienrepublik (80)

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Norbert Thomma versteht die Welt nicht mehr (und die „FAZ“ auch nicht)

Es ist schon eine bittere Erkenntnis, nach so vielen Jahren und Jahrzehnten feststellen zu müssen: Du hast nichts kapiert! Die Dinge liegen ganz anders! Der Markt macht nicht stark, er ist Quark! Ja, doch, bislang hatte ich die „Welt“ und die „FAZ“ immer so gelesen: Liebe Bürger von Deutschland, wir leben in einem freien Land mit einer freien Wirtschaft – und das ist gut so. Sozialismus ist bäh, darüber sind wir uns alle einig (außerdem hat er sich erledigt). Nur gibt es hierzulande einige, sagen wir: quasi sozialistische Regularien – und die sind gar nicht gut.

Also, Subventionen sind schlecht. Gewerkschaften sind halbschlecht. Wettbewerbsbeschränkungen sind ganz schlecht. Oder sagen wir es mal mit dem Altmeister Ludwig Erhard: „Je freier eine Wirtschaft ist, desto sozialer ist sie.“ Weil nur eine freie Wirtschaft richtig Gewinn schafft, und davon profitiert auch der Pförtner der Firma.

War das nicht korrekt, die ökonomischen Botschaften immer so zu verstehen in „Welt“ und „FAZ“? Man musste diese Meinung ja nicht teilen, aber sie hatte irgendwie etwas … ja, doch: Konsequentes. Ich erfreute mich immer an diesen Weg-mit!-Parolen. Weg mit dem Ladenschluss! Weg mit der staatlichen Gängelung freier Unternehmerentfaltung! Die Parolen waren, in einer unübersichtlichen Welt, beruhigend erwartbar, stetig, geradezu nachhaltig. Und sie sind angekommen, denn inzwischen glauben auch Sozialdemokraten daran.

Nun hat, als wär’s ein Lehrstück unternehmerischen Tatendrangs, die Verlagsgruppe Holtzbrinck (zu der der Tagesspiegel gehört) den Berliner Verlag (zu dem die „Berliner Zeitung“ gehört) gekauft. Begründung: Synergie im Verlagsbereich solle die beiden Blätter kerngesund machen. Das Kartellamt sagte: nein. Die Monopolkommission sagte: nein. Nun muss es der Bundeswirtschaftsminister entscheiden. Mal ganz ehrlich, hätte man da nicht langsam erwarten können, dass „FAZ“ und „Welt“ in lautes Geschrei ausbrechen? Dass sie toben: Weg mit dem Kartellrecht! Weg mit der Monopolkommission! Dass die beiden publizistischen Hüter des freien Marktes von einem „gefesselten“ schwäbischen Unternehmer schreiben, der in seinem agilen Schaffen behindert wird, mehr noch: von unzeitgemäßen Gesetzen gequält?

Seltsam, seltsam, nichts davon. Im Gegenteil. Jetzt plötzlich sehen die zwei Propheten des Wirtschaftsliberalismus durch den Kauf eines Verlags die Welt einstürzen. Plötzlich möchte der Springer-Verlag den Schutz des Staates, der doch sonst nur die Familie (als solche) schützen soll. Das ist doch ein bisschen verwirrend, oder? Muss ich nun damit rechnen, dass sie in „FAZ“ & „Welt“ demnächst für den Kohlepfennig plädieren?

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